Kölner Philharmonie

WDR Sinfonieorchester Köln

Hanna-Elisabeth Müller | Sopran
Foto: Chris Gonz
Hanna-Elisabeth Müller | Sopran
Foto: Chris Gonz

Konzert - Strauss, Mahler

Christoph Eschenbach, Leitung
Hanna-Elisabeth Müller, Sopran



Richard Strauss (1864-1949)
- „Vier letzte Lieder“ TrV 296 (1948) für Sopran und Orchester
- „Malven“ („Aus Rosen, Phlox (und) Zin(n)ienflor“) TrV 297 (1948) für Singstimme und Klavier

Obwohl Richard Strauss die Komposition von Liedern zeitlebens gepflegt hat, blieb dieser Teil seines Werkes – von wenigen Ausnahmen abgesehen – im Schatten seines Opernschaffens oder seiner Sinfonischen Dichtungen. Zu diesen Ausnahmen gehören die zwischen Mai und September 1948 komponierten „Vier letzten Lieder“ für Sopran und großes Orchester auf Gedichte von Joseph von Eichendorff und Hermann Hesse. Ihre Popularität verdanken sie nicht nur ihrer unmittelbaren Eingängigkeit, sondern auch dem biographischen Umstand, dass diese Lieder des damals 84-jährigen Komponisten so etwas wie den „Schwanengesang“ auf sein unendlich reiches Oeuvre darstellen. Nach Skizzen, die bis in das Jahr 1946 zurückreichen, wurde als erstes der vier Lieder die Vertonung von Eichendorffs „Im Abendrot“ am 6. Mai 1948 in Montreux vollendet. Bei der Herausgabe des Zyklus rückte dieses Lied an das Ende der Reihe. Ihm folgte der Entstehung nach die Vertonung der Gedichte des in die Schweiz emigrierten Hermann Hesse, den Strauss hier zum ersten und zum letzten Male für sich entdeckte. Die Komposition von „Frühling“ wurde am 18. Juli 1948 in Pontresina beendet. „Beim Schlafengehen“ und „September“ wurden am 4. August bzw. am 20. September abgeschlossen. Knapp ein Jahr nach Fertigstellung dieses Liederzyklus starb der Komponist im Alter von 85 Jahren in seinem Garmischer Haus.

Die schmelzende Kantabilität dieser vier Vertonungen bedarf eigentlich keiner Erläuterung, da sie mit fast magischer Wirkung jeden Zuhörer gefangen nimmt. Alle vier Lieder sprechen von Traum und Abschied, von Abend und Schlaf, von Vergessen und Vergänglichkeit, aber sie tun dies nicht im Gestus der Bitternis oder der Klage, sondern in einer fast heiteren Gelassenheit. Im ersten Lied, „Frühling“ („In dämmrigen Grüften“), ahmt die Singstimme in ruhigen Koloraturen Vogelgesang nach. Weite Melodiebögen künden von einem noch einmal empfundenen Glück. Der „September“ („Der Garten trauert“) wird aus ruhenden Wechselharmonien entwickelt. Alles ist erfüllt von dem goldenen Licht des sterbenden Sommers. „Beim Schlafengehen“ („Nun der Tag mich müd gemacht“) umschlingen einfache Melodien des Orchesters die Singstimme. Von starker Wirkung sind die ruhig durch zwei Oktaven aufsteigenden Bassskalen am Beginn der letzten Strophe. Den Abschluss bildet das einzige Lied des Zyklus von Eichendorff: „Im Abendrot“ („Wir sind durch Not und Freude gegangen Hand in Hand“). Hier verklärt Strauss das Lebensende zur lebenssatten Vollendung, musikalisch ausgedrückt in dem von ihm so geliebten Hauptthema aus der Sinfonischen Dichtung „Tod und Verklärung“, mit dem das Lied nach dem letzten gesungenen Vers in ruhiger Abgeklärtheit verklingt.

„Malven“ auf einen Text von Betty Knobel war das letzte Strauss-Lied, das posthum erschien, und zugleich seine allerletzte Komposition. Er schrieb es im November 1948, zwei Monate nach Abschluss der „Vier letzten Lieder“. Als persönliches Geschenk schickte er das Manuskript im März 1949 der Sopranistin Maria Jeritza, einer berühmten Interpretin vieler Strauss’scher Rollen. Streng gehütet blieb es bis zu ihrem Lebensende in ihrem Besitz, dann wurde es verkauft und gelangte so am 10. Januar 1985 zur Uraufführung durch Kiri Te Kanawa, begleitet von Martin Katz. Mit seiner ausgreifenden Gesangslinie, der wechselnden Phrasierung und den organisch sich entwickelnden Motiven zeigt „Malven“ deutliche Parallelen zu den „Vier letzten Liedern“, vor allem zu „Beim Schlafengehen“: Ein ausgedehntes Klavierzwischenspiel erinnert an das Geigensolo, das im letztgenannten Lied der Schlussstrophe vorausgeht. Harmonisch ist „Malven“ jedoch vollkommen eigenständig und wechselt lässig zwischen den Tonarten hin und her. Ganz offensichtlich war Strauss’ harmonischer Reichtum ungetrübt, und man mag es bedauern, dass Maria Jeritza das Manuskript nicht (wie erbeten) für Strauss kopieren ließ; mit großer Wahrscheinlichkeit hätte er das Lied anhand der Abschrift orchestriert. Dafür bietet es nun Klavierbegleitern einen zarten, aber beseelenden Nachklang zum Liedschaffen von Strauss – einem Schaffen, das sich über sein gesamtes Leben erstreckte.

Gustav Mahler (1860-1911)
Sinfonie Nr. 9 D-Dur (1909)

Religiöser Glaube, Weltanschauung und sinfonische Musik hängen bei Mahler wie bei kaum einem anderen Komponisten des 19. Jahrhunderts aufs engste zusammen. Mahler selbst verstand etliche seiner Werke als Ausdruck seiner Weltanschauung – eine „metaphysische Musik“. Seine Sinfonien sind von dem Nimbus des Geheimnisvollen und Ungeheuerlichen umgeben. Der Komponist selber galt vielen als „Gottsucher“, „Mystiker“ und „sinfonierender Philosoph“, dessen Schaffen mit schwerer metaphysischer Fracht beladen war. Und die berühmte „Neunzahl“ der Sinfonien, über die Beethoven, Schubert, Bruckner und Dvorák nicht hinausgekommen waren, schreckte den herzkranken Mahler. Er fühlte eine fast heilige Scheu vor der Bezeichnung „Neunte Sinfonie“: Durfte jemand nach Beethoven eine solche schreiben? Durch eine List suchte er sich dem zur Tradition gewordenen Verhängnis zu entziehen: Sein eigentlich neuntes sinfonisches Werk vom Sommer 1908 nannte er oratorienhaft „Das Lied von der Erde“, obgleich es sich eindeutig um eine Sinfonie nach dem Formenschema des späten Mahler handelt. Von düsterer Vorahnung getrieben, vermied Mahler die übliche Pause zwischen den großen Partituren und vollendete bereits in den Jahren 1909/10 die als Neunte deklarierte Sinfonie (chronologisch die Zehnte) und begann ein weiteres Werk, die Zehnte, von der zwei Sätze vollendet wurden. Mahler hat also zehn abgeschlossene sinfonische Partituren und einen Torso hinterlassen.

Die Partitur der neunten Sinfonie fällt entstehungsgeschichtlich zusammen mit Schönbergs frühen Klavierstücken, Bergs Streichquartett op. 3, mit der „Elektra“ von Strauss und Strawinskys „Feuervogel“. Das eilige Tempo des Fortschritts brachte es mit sich, dass die „Modernität“ des späten Mahler einem breiten Publikum kaum aufging; man war mit weit waghalsigeren Experimenten überhäuft. In der neunten Sinfonie hat Mahler alle Zwänge und Traditionen abgeschüttelt: Zwei langsame Sätze umklammern zwei scherzoartige Zwischenspiele. Auch die harmonische Bindung der Sätze ist aufgehoben. Die Sinfonie beginnt in D-Dur und endet in Des-Dur, die Mittelsätze stehen in C-Dur und Mahlers tragischem a-Moll. Verwandlung charakterisiert das Werk. Die Themen treten stets in veränderter Gestalt auf, in wechselnder Instrumentation, mit wechselndem Kontrapunkt. Die Musik scheint menschliches Schicksal zu erleiden: Sie geht durch die Stadien von Geburt, Wachstum, Reife, Konflikt und Auseinandersetzung bis zum Sterben hindurch. Adorno hat das so formuliert: „Die Stimmen fallen einander ins Wort, als wollten sie sich übertönen und überbieten, daher der unersättliche Ausdruck und das Sprachähnliche des Stückes. Die Themen sind weder aktiv noch passiv, sondern sprudeln, als ob die Musik während des Sprechens den Impuls zum Weitersprechen erst empfing.“
„Andante comodo“ steht über dem ersten Satz, aber das „comodo“ bezieht sich nur auf das Zeitmaß, ansonsten ist er höchst unbequem. Er türmt die Themen im dramatischen Durchführungsteil übereinander, zerstückelt Melodien, lässt Zusammensinken auf Aufschwung folgen und umgekehrt; aber über allem liegt eine trostlose Stimmung. „Es stirbt eine Welt“, sagte der Mahlerbiograph Paul Bekker, „ohne Bitterkeit, ohne Haß, doch nicht ohne Kampf“. Als „eine tragisch erschütternde, edle Paraphrase des Abschiedsgefühls“ empfand es Bruno Walter – „ein einzigartiges Schweben zwischen Abschiedswehmut und Ahnung des himmlischen Lichts [...] hebt den Satz in eine Atmosphäre höchster Verklärtheit“. Der zweite Satz ist ein Ländler, „etwas täppisch und sehr derb“, wie Mahler vorschreibt, aber er wächst über das Rustikale weit hinaus, wird manchmal parodistisch, oftmals ernst. Der dritte Satz trägt die Überschriften „Rondo – Burleske: Allegro assai. Sehr trotzig (alla breve)“. Mahler scheint sich über jemanden lustig zu machen. Schneidender Hohn liegt in dieser Musik, er verletzt, kränkt, tut weh – doch man weiß nicht, gegen wen er sich richtet. Der letzte Satz („Adagio: Sehr langsam und noch zurückhaltend“) ist wie der erste von Todessehnsucht erfüllt. Doch die resignatorische Stimmung des Eröffnungssatzes wird nun ins Feierlich-Erhabene erhöht. Er erinnert stark an die „Götterdämmerung“. Dieser Finalsatz gehört zum Überzeugendsten, was Mahler geschaffen hat. „Etwas von der Süße des Sterbens klingt in den inbrünstigen Melodien des Schluss-Adagios auf“ (Bauer). Und Bruno Walter meinte: „Ein ruhevolles Lebewohl

Heidi Rogge

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Letzte Aktualisierung: 29.05.2020 21:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn