Kölner Philharmonie

Tschechische Philharmonie

Jakub Hrusa | Dirigent
Foto: Andreas Herzau
Jakub Hrusa | Dirigent
Foto: Andreas Herzau

Konzert - Dvorak, Suk, Janacek

Jakub Hruša, Dirigent
Sol Gabetta, Violoncello


Antonín Dvorák (1841-1904)
Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104 B 191 (1894/95)

Innerhalb relativ kurzer Zeit, im Winter 1894/95, entstand Dvoráks letztes großes Werk, das Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104, das der Komponist während seines dreijährigen Amerika-Aufenthaltes schuf. Im April 1895 kehrte Dvorák in seine böhmische Heimat zurück und im Sommer arbeitete er den Finalsatz noch einmal einschneidend um, aber erst im Frühjahr 1896 war die Uraufführung mit dem Orchester der Philharmonic Society unter der Leitung von Dvorák. Das Konzert ist Dvoráks Freund, dem Cellisten des Böhmischen Streichquartetts, Hanus Wihan gewidmet. Doch durch Wihans Wunsch, in das Finale eine große Solokadenz einzubauen, wurde diese Freundschaft getrübt, und so spielte der englische Cellist Leo Stern die Uraufführung in London und auch die ersten Aufführungen in Prag. Dvorák hat das Violoncello eigentlich nie besonders geschätzt (trotz eines recht langatmigen und überladenen Jugendkonzerts und zweier kleiner konzertanter Werke): „Oben näselt es, unten brummt es“, behauptete er und sah den dem Instrument angemessenen Platz in der Kammermusik.
Das Konzert orientiert sich an der traditionellen Dreisätzigkeit: Auf einen Sonatensatz folgt ein dreiteiliger Mittelsatz und ein Rondo-Elemente verwendendes Finale. Zwei Dinge sind bemerkenswert: Zum einen ist es Dvorák gelungen, das groß besetzte Instrumentarium des romantischen Orchesters so differenziert und „obligat“ zu verwenden, dass der Celloklang nie übertönt wird; zum anderen fehlen im Solopart alle nur virtuos-wirkungsvollen Partien. Auch die spieltechnisch höchst anspruchsvollen Passagen in höchster Lage oder heikle Doppelgriffübergänge sind stets aus dem motivischen Material entwickelt und haben entwickelnde Funktion innerhalb des Satzganzen. Nicht ohne Berechtigung hat man das Konzert vielfach als Dvoráks zehnte Sinfonie bezeichnet. Unüberhörbar ist der „böhmische Ton“ des gesamten Werkes; der Komponist weilte in Gedanken bereits wieder zu Hause: „Nun beende ich bereits das Finale des Violoncellokonzerts. Könnte ich so sorglos arbeiten wie in Vysoká, wäre ich schon längst fertig. Aber hier geht es nicht.“ Faszinierend ist es, wie Dvorák mit dem thematischen Material umgeht. Sein musikalischer Erbe Leoš Janácek bemerkte dazu: „Er begnügt sich in der Regel nicht mit dem klaren, interessanten harmonischen Fundament eines Motives: es treten hier gleichzeitig zwei, drei bis fünf markante Motive auf [...]. Und was das Wichtigste ist: Dvorák führt eine solche Figur in einer Stimme nicht bis zum Überdruss durch; kaum hast du sie kennengelernt, schon winkt dir freundlich die zweite.“

Josef Suk (1874-1935)
Scherzo fantastique op. 25 für Orchester (1903)

Josef Suk ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Doch seine besondere musikhistorische Leistung liegt in der Öffnung der nationalen Musiksprache der tschechischen Spätromantik in Richtung der gesamteuropäischen Moderne; damit gehört er neben Janácek und Novák zu den bedeutendsten Schöpfern der neuen tschechischen Musik. Denn unmittelbar nach Smetana und Dvorák erwies sich in der Generation Suks die Fähigkeit, die tschechische Nationalromantik zu überwinden und einen originellen Beitrag für nachromantische Typen der mitteleuropäischen Musiksprache zu leisten; dabei wurden auch avantgardistische Züge nicht blockiert. Und Suk war Zeit seines Lebens ein politisch engagierter Künstler, der als Gegner der Monarchie Anhänger einer demokratischen tschechischen Republik war. Immer wieder finden sich tiefernste Auseinandersetzungen mit Tod und Leben mit den kompositorischen Mitteln seiner Gegenwart.
Die wohl glücklichsten Jahre im Leben Suks waren jene, in denen Werke wie das „Scherzo fantastique“ op. 25 entstanden. Er hatte 1898 Dvoráks Tochter Otilie geheiratet, seine jugendlich frische E-Dur-Sinfonie wurde von der Tschechischen Philharmonischen Gesellschaft aufgeführt, und er hatte eine Bühnenmusik beendet, die ihm sehr am Herzen lag – aus der er später die Konzertsuite „Pohádka“ (Märchen) zusammenstellte. Doch als das Scherzo fantastique am 18. April 1905 am Prager Konservatorium uraufgeführt wurde, war Dvorák bereits tot; Otilie sollte nur noch kurze Zeit zu leben haben – und Suks Leben und Musik begannen sich unaufhaltsam zu ändern. Die Bezeichnung „Scherzo“ wird dem Werk nicht ganz gerecht, denn es hat mehr von einem „Danse macabre“ – gleichwohl einem kongenialen Totentanz. Die Holzbläser-Floskeln zu Beginn prägen den Tonfall der Rahmenteile einer ausgesprochen geradlinigen ABA-Form. Die schnatternden Bläser machen bald Platz für ein Walzer-Thema der Celli, wiederholt von den Violinen – eines der erinnerungswürdigsten, je geschriebenen Walzerthemen überhaupt. Der Mittelteil ist mit Holzbläser-Trillern reich verziert, während Streicher und Hörner ein aufstrebendes Thema in Art einer langsamen Prozession spielen – auch wenn die Trompeten ständig versuchen, es zu unterbrechen. Nach einem kurzen Innehalten kulminiert die Reprise des anfänglichen Walzers in einer rasenden Coda, die ein viel zu selten gespieltes Konzertstück höchst gelungen abrundet.

Leoš Janácek (1854-1928)
„Taras Bulba“ JW VI/15 (1915-18) – Rhapsodie für Orchester nach einer Erzählung von Nikolaj Gogol

Der im nördlichen Mähren geborene Leoš Janácek steht mit seinem Schaffen wie ein erratischer Block in der Musiklandschaft. Er hatte weder Vorgänger noch Nachfolger. Seine Werke im Geiste der Spätromantik blieben lange wenig beachtet, bis er im Alter von 62 Jahren dank einer triumphalen Aufführung seiner einige Jahre zuvor entstandenen Oper „Jenufa“ 1916 in Prag endlich breitere Anerkennung fand. In den folgenden zwölf Jahren bis zu seinem Tod komponierte er in einem wahren Schaffensrausch die Mehrheit der Werke, derentwegen er heute als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gilt – darunter die Rhapsodie „Taras Bulba“ nach der Novelle von Nikolaj Gogol: Mitten im Ersten Weltkrieg griff Janácek diese Geschichte des Freiheitskämpfers Bulba auf, der im 16. und 17. Jahrhundert an den Befreiungskriegen der Ukraine gegen Polen beteiligt war. Der „ruhmreiche Kosakenhauptmann“, wie Janácek ihn nannte, war unzweifelhaft eine Identifikationsfigur für die Gegenwart und spiegelte seine eigenen Überzeugungen: Der Komponist sehnte die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei von der Herrschaft der Habsburger herbei. Die Partitur erschien erst 1924 und ist „unseren tschechoslowakischen Streitkräften“ gewidmet, weil „sich auf der ganzen Welt keine Feuer flammen, keine Folterqualen finden, die imstande wären, die Kraft des russischen Volkes zu vernichten.“ Eine ungewöhnliche Zueignung, aus der hervorgeht, dass Janácek seine Hoffnung auf die russischen Befreier setzte.
Mit „Taras Bulba“ hat der Komponist ein höchst effektvolles Werk geschrieben. Im ersten Satz, „Andrijs Tod“, schildert Janácek zunächst die Liebe von Bulbas Sohn Andrij zu der Tochter des feindlichen Stammesfürsten. Ein Thema von Englischhorn und Oboe trägt das Glück der Liebenden vor, die Solovioline gesellt sich hinzu, auch die Orgel. Das Kriegsgetümmel um sie herum beeindruckt sie wenig. Fast blockhaft stellt Janácek die beiden Welten musikalisch gegenüber. Das ruppige, düstere Taras Bulba-Thema bedroht das Liebesglück. Die Musik selbst sagt es nicht, aber es geschieht eine Tragödie: Seinen Sohn Andrij, den Volksverräter, tötet Taras Bulba mit eigener Hand. Aber auch seinen älteren Sohn wird er verlieren. Hiervon erzählt der zweite Satz des Werkes, „Ostaps Tod“. Ostap zeichnet Janácek mit hackenden Streicherakkorden, die von einer Harfe begleitet werden. Markante Pizzicatoklänge und treibende Rhythmik bestimmen den Satz. Ostap wird von den Polen gefangengenommen und wartet auf seine Hinrichtung. Bulba gelingt es zwar, sich unter die Menge der Schaulustigen zu mischen, er gibt sich auch dem Sohn zu erkennen, um ihn zu trösten. Doch es ist zu spät: Mit einem Siegestanz in Form einer Mazurka, die Janácek fast filmschnittartig einblendet, feiern die Polen ihren Sieg. Die schrille Klarinette schreit in Todesangst. Mit drei kurzen Schlägen wird Ostap getötet. Der Vater schwört Rache und entfacht einen fürchterlichen Krieg, den darzustellen jedoch kaum das Ziel Janáceks ist. Stattdessen gibt es in „Prophezeiung und Tod des Taras Bulba“ eine weitere Hinrichtung. Bulba erscheint selbst als Gefangener, Hörner künden sein letztes Stündchen an. Sein musikalisches Motiv erfährt jedoch eine Transformation. „Es wird sich im russischen Lande ein Zar erheben, und es wird auf der ganzen Welt keine Macht geben, die sich ihm nicht beugen müsste!“, heißt es analog in Gogols zugrunde liegender Novelle. Die Apotheose gerät zunächst hymnisch und süß, trillernde Holzbläser verleihen der Musik zudem etwas Visionäres. In den letzten Takten öffnet sich das Werk mit Glockengeläut und Orgel zu einem gloriosen Klangereignis.

Heidi Rogge

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Letzte Aktualisierung: 08.07.2020 09:08 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn