Kölner Philharmonie

Gürzenich-Orchester Köln

Dmitrij Kitajenko | Dirigent
Foto: Paul Leclaire
Dmitrij Kitajenko | Dirigent
Foto: Paul Leclaire

Höhenflüge
Konzert - Prokofjew, Skrjabin


Dmitrij Kitajenko, Dirigent
Gerhard Oppitz, Klavier

Sergej Prokofjew (1891-1953)
Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 (1916/17) – „Klassische Sinfonie“

Nach Beendigung seiner Studien vor allem bei Rimski-Korsakow und Tscherepnin unternahm der 1891 in Sonzowka geborene Prokofjew Konzertreisen nach England und Italien. Bis zur Oktoberrevolution lebte er in Russland. Er ließ sich in seinen Werken nicht von der radikalen Avantgarde anstecken und hielt immer an der Tonalität sowie klar umrissenen musikalischen Formen fest. Die optimistische Kraft und Lebensfreude sowie die Eleganz und lyrisch kantable Schönheit seiner Musik haben dieser zu großer Beliebtheit und weiter Verbreitung verholfen. Doch noch während der ersten Jahre im zaristischen Russland wurde er wegen seiner wilden, grotesk verzerrenden und oftmals exzentrischen Musik zum Teil scharf angegriffen. Er emigrierte nach Paris. Hier sah er sich dem Vorwurf ausgeliefert, er sei ein Epigone und Konservativer. Diesem Vorwurf begegnete er mit seinen aufwühlendsten und „modernsten“ Werken. Als er 1934 nach Russland zurückkehrte, hatte er wohl auf der einen Seite Heimweh, andererseits wollte er aber auch dem jungen Staat nicht länger seine künstlerische Gefolgschaft verweigern. Das tiefsitzende Misstrauen der stalinistischen Kulturhüter, die in ihm nach wie vor einen Verfechter und Anhänger bürgerlicher Dekadenz sahen, konnte er alleine durch seine Rückkehr sicher nicht auf Anhieb zerstreuen. Also bemühte er sich zunächst einmal verstärkt um offizielle Kompositionsaufträge und schrieb politisch engagierte Musik, mit der er hohes Ansehen errang, obwohl er sich auch 1948 eine Maßregelung durch die Kommunistische Partei wegen seines „westlichen Formalismus“ gefallen lassen musste. Doch insgesamt glättete sich sein Stil, er wurde volkstümlicher und dem breiten Hörerpublikum verständlicher. Prokofjew suchte und fand den Ausgleich mit den Normen des „Sozialistischen Realismus“, auch wenn er sie nicht immer bedingungslos befolgte. Seine späten Werke sind stets von einem humanistischen Geist durchdrungen, der bestimmt ist von seiner, vielleicht etwas naiven Theorie einer einfachen und doch qualitativ hoch stehenden Musik. Er starb am 5. März 1953 in Moskau.

Im Revolutionsjahr 1917, in einer Phase, da viele Künstler in romantischer Aufbruchsstimmung schwelgten, verbrachte Prokofjew seine Zeit vorzugsweise abseits von Petrograd, dem Zentrum der Unruhen. Er betrachtete die Sterne durch ein Teleskop, fuhr mit dem Dampfschiff auf Wolga und Kama und wandte sich im Sommer, auf einsamen Spaziergängen, der musikalischen Vergangenheit zu. Er hatte bereits eine Gavotte entworfen und Themen für ein Allegro und einen langsamen Satz kreiert. Nun begann er einen Selbstversuch: eine Komposition, die fernab vom Klavier entstehen sollte – und die als „Klassische Sinfonie“ eines seiner populärsten Werke wurde. „Ich dachte mir, dass Joseph Haydn, so er in unseren Tagen lebte, gewiß seinen eigenen Stil bewahrt, ihn zugleich aber mit etwas Neuem angereichert hätte. Von solcher Art war die Sinfonie, die ich schreiben wollte. Eine Sinfonie im klassischen Stil“. Mit diesen Worten beschrieb Prokofjew seine Idee für die Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25, die „Symphonie classique“. Aus Prokofjews provokantem Kommentar sprechen genau die Unbekümmertheit, die Ironie und der Hang zu humoristischer Verfremdung, die die Musik seines Opus 25 charakterisieren. In seiner Autobiographie erläuterte er die Wahl des Titels: „Erstens, weil es so einfacher war; zum anderen in der Absicht, die Philister zu ärgern, und außerdem in der heimlichen Hoffnung, letzten Endes zu gewinnen, wenn die Sinfonie sich wirklich als ’klassisch’ erwiese.“ Für die Ereignisse von Krieg und Revolution findet sich kein Raum in dieser Sinfonie. Als Prokofjew am 21. April 1918 in Petrograd die kaum beachtete Uraufführung dirigierte, spürte er, dass er am falschen Platz war. Wenige Tage später trat er jene Reise an, die sich zu einem jahrelangen Exil ausdehnen sollte.

Die Sinfonie ist geprägt von Heiterkeit und Vitalität und zeichnet sich durch eine ausgeklügelte Rhythmik sowie die durchsichtige Verwendung eines von der Besetzung her keineswegs vorromantischen Orchesters aus. Leonard Bernstein bezeichnete es als Musterbeispiel für „Humor in der Musik“. Als besonders fasslich erweist sich das Werk in der konzentrierten Knappheit seiner vier Sätze („Allegro“ – „Larghetto“ – „Gavotta. Non troppo allegro” – „Finale. Molto vivace”), in der tänzerischen Elastizität der Themen und den in spielerischer Kombinatorik sich entfaltenden Durchführungspartien. An die Stelle des bei Haydn obligaten Menuett-Satzes ist eine durch reizvolle harmonische Rückungen charakterisierte Gavotte mit einem kurzen Mittelteil „à la Musette“ über Bordunquinten getreten.

Alexander Skrjabin (1872-1915)
- Konzert für Klavier und Orchester fis-Moll op. 20 (1896)
- Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 29 (1901)

Alexander Skrjabin genoss eine sorgfältige musikalische Ausbildung zunächst bei renommierten Privatlehrern. Nach dem Besuch des Moskauer Konservatoriums, wo er zwischen 1888 und 1892 Komposition und Klavier studiert hatte, reiste er als konzertierender Pianist durch Europa und die USA, oft als Interpret eigener Werke für „sein“ Instrument, das Klavier. 1898 kehrte er vorübergehend nach Moskau zurück, um am dortigen Konservatorium als Klavierlehrer zu wirken. Ab 1903 lebte er wiederum im Ausland, hauptsächlich in der Schweiz und in Belgien, kehrte aber für die letzten Lebensjahre nach Russland zurück und starb 1915 in Moskau an einer Blutvergiftung. Nach Skrjabins Tod fanden sich in seinem Nachlass literarische und philosophische Aufzeichnungen, kleinere Aufsätze über verschiedenartigste geistige Strömungen der Zeit, Niederschriften, die von geradezu messianischem Selbstbewusstsein zeugen, sowie ekstatische Hymnen im Stile Nietzsches.

Die kurze Lebensspanne Skrjabins beinhaltet eine außergewöhnliche Entwicklung: den Bruch mit dem romantisch-schwülen Stil seiner Jugendwerke hin zu einer faszinierend neuen Klangwelt, die zur damaligen Zeit alle anderen Klavierkomponisten an Modernität übertraf. Wichtiger als die äußeren Abhängigkeiten ist jedoch die innere Entwicklung und Überwindung des tonalen Dur-Moll-Systems, die um 1908 im Schaffen Skrjabins zur Aufgabe der funktionalen Tonalität führte. Seitdem leitete er alle melodischen und harmonischen Gestalten aus einem mehrere Töne umfassenden „Klangzentrum“ (oder „mystischer Akkord“) ab und sprengte damit auf eine sehr individuelle Weise das traditionelle tonale System. Unter dem Blickwinkel des Neoklassizismus oder der seriellen Musik hatte seine extreme Situation kein Recht. Mit dem Verebben des Rationalismus in der Musik gewannen jedoch Begriffe wie Ekstase und Mysterium wieder einen gewissen Klang, man entdeckte das Maß im Übermaß, den Keim neuer Ordnungen im Chaos.

Die Bewunderung des jungen Skrjabin für Chopin findet im Klavierkonzert, seinem ersten Orchesterwerk, sprechenden Ausdruck. Skrjabin selbst war der Solist der Uraufführung, die im Oktober 1897 in Odessa stattfand. Auf formale Experimente im Sinne Liszts ist in diesem Werk verzichtet; seine drei Sätze orientieren sich an der Konvention. Auch in der Behandlung der Harmonik zeigt sich Skrjabin hier noch nicht als kühler Neuerer. Dafür besticht das Klavierkonzert durch die Dezenz seiner Tonsprache, aus der jegliche Sentimentalität verbannt ist. Das zentrale Andante bringt fünf Variationen über ein liedhaftes Thema und darf als wertvollster, weil persönlichster Teil des Werks angesehen werden.

Das sinfonische Schaffen von Skrjabin wurde lange gegenüber seinem umfangreichen Klavierwerk vernachlässigt. Immerhin hat er sich seit seinem 24. Lebensjahr und bis zu seinem Tode mit der Konzeption und Komposition sinfonischer Stücke befasst und dabei sieben Werke von beachtlichem Umfang geschaffen. Die zweite Sinfonie entstand 1901 und wurde ein Jahr später in St. Petersburg uraufgeführt. Sie besteht aus fünf Sätzen und erreicht bereits die Grenzen der Tonalität. Unruhe und Drang nach Befreiung von den Fesseln der Tradition prägen sich aus, wenn auch in allen Sätzen die überkommenen Formen beachtet sind. Mit einem langsamen Einleitungssatz beginnt die Sinfonie und führt nahtlos in das sich auflehnende Allegro. Das bedeutende Andante des dritten Satzes ist als lichthafte Naturszene konzipiert. Darauf folgt an der Stelle des Scherzos ein „Sturm“-Stück, welches düstere Stimmungen entfaltet. Das fast opernhafte „Maestoso“ des fünften Satzes klingt wie eine Verheißung, die alten Formen zu zerbrechen und durch eine neue Ordnung zu ersetzen.

Heidi Rogge

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Letzte Aktualisierung: 11.11.2019 21:01 Uhr     © 2019 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn