Floh im Ohr - Contra-Kreis-Theater - kultur 164 - März 2020

Floh im Ohr
Foto: Contra-Kreis-Theater
Floh im Ohr
Foto: Contra-Kreis-Theater

von Georges Feydeau; Reigen der Schlüpfrigkeiten

Camille wäre gern Elvis und übt vergeblich den Jailhouse Rock. Seinen Sprachfehler findet das Hausmädchen Antoinette süß und gibt sich heimlich gern dominant. Madame Chandebise ist frustriert von ihrer ereignislosen Ehe und dem ledigen Hausfreund Dr. Finache zugeneigt. Der Mediziner hat einen ausgeprägten Sinn fürs weibliche Geschlecht und ist diesbezüglich nicht sonderlich wählerisch. Nur Monsieur Chandebise, wirtschaftlich erfolgreicher Versicherungschef im fortgeschrittenen besten Alter, hat fast nichts zu verbergen. Außer einer hartnäckigen Schwäche im Bett: „Versuchen Sie mal, mit gekochten Spaghetti Mikado zu spielen!“ Manche der munter verstreuten Bonmots und Anspielungen auf Regionen unter der Gürtellinie sind nicht ganz so jugendfrei in der Inszenierung von Jan Bodinus, die im Dezember am Schlosstheater Neuwied herauskam und nun im Contra-Kreis ihre umjubelte Premiere feierte. Bodinus führte hier kürzlich schon Regie bei der Komödie Der ­Mustergatte.
Victor Chandebise ist ein echter Mustergatte: hoch kultiviert und ehelich treu. Aber er hat einen Doppelgänger, der in dem stadtbekannten Etablissement „Zum galanten Pussikätzchen“ als Portier Poche dient. Meistens nicht nüchtern und jeder Form von Arbeit eher abgeneigt. Das führt zu rasanten Verwechslungen, die ein Erzkomödiant wie Kalle Pohl in einer der schöns­ten Doppelrollen des klassischen ­Boulevard­theaters brillant meistert. Mit sorgfältig gekämmtem Grauhaar und elegantem Gehrock ist er der bürgerlich brave Patriarch, mit Strubbelfrisur und Pagenjacke in sekundenschnellem Wechsel der versoffen grantige Typ in der Pförtnerloge, der über Treppen stolpert („Wenigstens die Stufen hätte man weglassen sollen“) und auch mal kurz die konventionelle vierte Wand des Theaters anspielt. Pohl, der im Contra-Kreis schon Charleys Tante hinreißend verkörperte, erscheint hier tatsächlich verdoppelt und macht das mit solch genialem Esprit (Poche verschenkte angeblich sogar die Urheberrechte mancher unsterblicher Chansons), dass man den grotesken Volten der Handlung von Floh im Ohr höchst vergnügt folgt.
Die 1907 in Paris uraufgeführte Komödie von Georges Feydeau, einem der letzten großen Autoren des populären Vaudeville mit all seiner Frivolität und frechen Kritik an der bürgerlichen Doppelmoral, ist nicht ohne Grund eins der Glanzstücke der späten Belle Epoque und auf deutschsprachigen Bühnen weiterhin recht präsent. Hinter der gepflegten Salonfassade lauern Geheimnisse wie von Sigmund Freud und ins Absurde überdreht. Hinter dem rotsamtenen Theatervorhang im Hintergrund verbergen sich ungeahnte Laster und Gelüste (Ausstattung: Christian Baumgärtel). Wobei Musik und Wortspiele fröhlich bis in die Gegenwart blinzeln.
Den Floh ins Ohr gesetzt haben Colette Chandebise (wunderbar zwischen Anstand und erotischer Abenteuerlust: Petra Kalkutschke) die Hosenträger ihres Gatten, vom aufmerksamen Poche dem Besitzer per Post zurückgeschickt. In einem solchen Notfall von Eifersucht braucht Frau eine beste Freundin wie Lucienne (herrlich streng mit Brille und eingefrostetem Charme: Fabienne Hesse). Deren spanischer Gatte Carlos (wie ein Torero im ultimativen Blutrausch: Dimitri Tellis) hat nicht nur großes Kaliber in der Hose, sondern auch ein beeindruckendes Schusswaffenarsenal. Puffmutter Brigitte (herzhaft unverschämt: Beatrice Kaps-Zurmahr) braucht da neben ihren scharfen Krallen auch mal handfeste Durchschlagskraft.
Immerhin scheint die reizende Amazone Antoinette (mit Peitsche und sonstigen SM-Instrumenten: Mia Geese) nicht zum ersten Mal bei ihr aufzukreuzen. Victors Neffe ­Camille (virtuos verstört: ­Sören ­Ergang) trägt irgendwann Handschellen. Der Hausarzt (als unerschütterlicher Schürzenjäger: Stefan Gabelhoff) trägt stramme Sockenhalter zur nicht minder gruseligen Unterwäsche. Er nimmt, was zu haben ist und ‚untersucht‘ zwischendurch auch mal die russische Putzfrau (Olga Siegwald). Dass alle Zimmer Sechs (!) reserviert haben, macht die Sache nicht einfacher. Ein auf Herz-Knopfdruck rotierendes Bett sorgt für ungeahnte Überraschungen und ist der Running Gag im totalen Irrsinn. Wie es sich bei Komödien gehört, weiß das amüsierte Publikum immer mehr als die durchgeknallten Typen auf der Bühne. Nur woher der am Ende geheilte Victor seinen Zwilling hat, bleibt weiter ein Geheimnis. Aber Lachen bis der Arzt kommt, ist angesagt. Standing Ovations bei der ausverkauften Premiere.
Für Jugendliche oder moralisch Überempfindliche eher nicht geeignet. E.E.-K.
Spieldauer ca. 2½ Minuten, inkl. einer Pause

Donnerstag, 30.04.2020

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Letzte Aktualisierung: 19.10.2020 21:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn