Cyrano - Euro Theater Central (im Metropol-Kuppelsaal) - kultur 162 - Januar 2020

Cyrano
Foto: Lilian Szokody/www.szokody.de
Cyrano
Foto: Lilian Szokody/www.szokody.de

Hinreißend jung und temperamentvoll

Ältere Zuschauer kennen vermutlich noch die berühmte Verfilmung mit Gérard Depardieu in der Titelrolle. Der Stoff ist so beliebt wie die legendäre lange Nase des Dichters Cyrano de Bergerac. In der neuen Inszenierung des Euro Theater Central braucht Cyrano diesen sichtbaren Makel gar nicht. Ein rechter Haudegen, der es gern mal mit hundert Männern aufnimmt, ist der Held von Edmond de Rostands 1897 uraufgeführter „romantischer Komödie“ aber gewiss. Und ein begnadeter Wortkünstler dazu. Selbst beim Fechtduell dichtet er noch flott eine mehrstrophige Ballade: „Beim letzten Vers, da stoß ich zu.“ Nur eine Schwäche hat der tollkühne Künstler. Das ist seine vermeintliche äußere Hässlichkeit, die ihm als unüberwindliches Hindernis erscheint bei seiner innigen Liebe zu seiner Cousine Roxane. Bei der ersten Premiere des Euro Theater Central in seiner Interimsspielstätte im Metropol-Kuppelsaal stürmen drei junge Schauspieler die Bühne und verteilen wie eine Commedia-dell’Arte-Truppe erst mal Kostüme und Rollen. Ausstatterin Katharina Müller hat die vielen Schauplätze – witzig avisiert durch ein Leuchtschrift-Display wie beim ÖPNV – mit Lichternetzen versehen und imaginiert mit wenigen blauen Holzelementen Festsäle, Schloss- und Klostergärten sowie das düstere Schlachtfeld, auf dem die Gascogner Kadetten von den spanischen Belagerern umzingelt elend verhungern.
Die Regisseurin Laura Tetzlaff hat den bekannten Stoff (in der erfrischend zeitlosen Fassung der belgischen Theatermacher Jo Roets und Greet Vissers) sehr liebevoll inszeniert, in Kooperation mit der renommierten Schauspielschule des Kölner Theaters Der Keller. Paula Luy spielt hinreißend im „Bling“-Tüllröckchen, dunkelroter Strumpfhose und robustem Schuhwerk die reizende Roxane, die mit dem Degen ebenso elegant umzugehen weiß wie mit schnippischen Repliken. Das selbstbewusste Mädchen hat indes zwei Schwächen: Schön gereimte Sätze und den hübschen, aber nicht sonderlich intelligenten Soldaten Christian. Der verliebte Cyrano wird also zu dessen ­Einflüs­terer und Ghostwriter. Jonathan Dorando macht das mit so viel spielerischer Energie, dass man beim sentimentalen Finale fast Tränen vergießt. Sein Cyrano ist kein eitler Poet mehr, wenn es um echte Gefühle geht.
In diversen Rollen schwirrt Garreth Charles durch das tragikomische Geschehen. Mit schwarzer Bomberjacke ist er der aufgeblasene Graf ­Guiche, mit Kunsttouristen-T-Shirt der aus Roxanes Sicht mit göttlich-blonden Locken gesegnete Christian, mit Kochmütze der Pariser Gastronomiestar und mit seiner rasanten Beweglichkeit einfach unwiderstehlich. Am Ende stirbt Roxanes eingebildeter Lover leider ziemlich normal-grausam als Kriegsopfer. Der tapfere Cyrano hat derweil in dessen Namen so viele wundervolle Liebesbriefe (auch ins aufmerksame Publikum) versandt, dass er trotz dramatischen Ablebens unsterblich bleibt.
Ein hinreißender Spaß mit viel Herzblut, feingeschliffener Ironie, frecher Intelligenz, perfektem Tempo und toller Fechtchoreografie. Begeisterter Premierenapplaus.
Empfehlenswert für Publikum ab 12 Jahren.

Bis zur Klärung aller Fragen um das vorgesehene neue Domizil spielt das ETC (am 6. Dezember 2019 wurde das von Gisela Pflugradt-Marteau lange Zeit erfolgreich geleitete Theater 50 Jahre alt) vorläufig weiter im Metropol-Kuppelsaal. E.E.-K.
Spieldauer ca. 70 Minuten, keine Pause
Die nächsten Vorstellungen: 13. und 14.01.20 - 18 Uhr

Donnerstag, 23.01.2020

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