NippleJesus - Theater Die Pathologie - kultur 160 - November 2019

NippleJesus
Foto: Theater Die Pathologie
NippleJesus
Foto: Theater Die Pathologie

Schlichter Blick auf Kunstbehauptungen

Ein Bühnenbild gibt es nicht. An den Wänden des kleinen Theaterraums hängen poppig bunte Gemälde des Kölner Künstlers Nabil Gharsallah (*1995). Keine vordergründige Illustration, kein gekreuzigter Jesus, schon gar nicht als Collage aus Nippeln, also aus Pornoheften ausgeschnittenen Fotos von weiblichen Brustwarzen. Das von Museumswärter Dave bewachte Objekt existiert ja nicht mehr, aber seine Geschichte erscheint wie eine Satire auf den arroganten Kunstbetrieb. Der 32-jährige Dave hat mit Kunst wirklich noch nie etwas zu tun gehabt. Genau das hat das Monologstück NippleJesus des englischen Bestsellerautors ­Nick Hornby zu einem beliebten Bühnenrenner gemacht. Vor rund zehn Jahren war das Monologstück in einer anderen Inszenierung auch schon in der Pathologie zu erleben. Die Frage nach der Bedeutung von Kunst wird hier nicht im üblichen Diskurs der erfahrenen Kenner gestellt, sondern von einem sehr schlichten Betrachter.
Der Kölner Schauspieler Steven Reinert verkörpert in der Regie von Johannes Prill im Kellertheater „Die Pathologie“ den stämmigen Proleten Dave. Keine Ausbildung, nach der Army prekäre Jobs als Rausschmeißer in Diskos und Clubs. Den Lebensunterhalt der Familie verdient seine Frau, die ihn nun bei Bekannten vom Sicherheits- zum Kunstexperten befördern kann. Er hat sich erfolgreich („als einziger unter 60“) als Aufseher bei einer Galerie beworben und bewacht nun ein besonderes Bild. Ziemlich realistisch findet er die Darstellung des Schmerzensmanns Jesus, bis er bei näherem Hinsehen die Anstößigkeit des Exponats ­ent­deckt. Er ist angewidert von dem Werk, das vorsorglich (insgeheim auch markttaktisch) mit Warnungen vor möglichen religiösen und moralischen Kontroversen versehen ist.
Das ändert sich, als er die sympathische junge Künstlerin Martha kennenlernt, die offenbar mit einem handwerklichen Wahnsinnsaufwand das provokante Bild geschaffen hat. Dave glaubt jetzt, dessen Aussage zu begreifen, sucht auch die Kommunikation darüber mit dem Publikum und berichtet köstlich naiv von seinen Erfahrungen. Da sind die unerschütterlich blasierten Vernissagen-Typen, die vom Medienrummel angezogenen Zaungäste, andächtige Spinner (Dave entnervt: „Niederknien und Beten ist hier verboten“), ein ums allgemeine und besondere Seelenheil besorgter Pfarrer und eine dicke Politikerin im Wahlkampf. ­Erzähler Reinert lässt in einer knappen Stunde mit sanfter Ironie etliche Gestalten lebendig werden, die in der Kulturszene ihre eigenen Interessen verfolgen. Leider auch Martha, die die Zerstörung ihres NippleJesus „einfach perfekt“ findet. Spinnt die jetzt endgültig, oder war das Ganze ein sorgfältig eingefädeltes Spiel mit dem unbedarften Aufseher als Teil einer Performance? „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ – Dave steht verunsichert vor den Trümmern seiner Imagination.
Der Premierenbeifall signalisierte jedoch eindeutig: Die leise, hinterhältig witzige Inszenierung ist eine Besichtigung wert. E.E.-K.

Spieldauer ca. 1 Stunde, keine Pause

Mittwoch, 01.01.2020

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