Kawumm - GOP. Varieté-Theater - kultur 159 - Oktober 2019

Kawumm
Foto: GOP Varieté-Theater
Kawumm
Foto: GOP Varieté-Theater

Wenn der Pabst träumt ...

Um es gleich vorweg zu sagen: Wer behauptet, Varieté „ist doch immer das Gleiche“ wird bei der neuen Show des GOP. eines Besseren belehrt.

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Herr Mutzmann ist Buchhalter, pflichtbewusst und überkorrekt. Er kennt nur die Welt seiner Zahlen, sie sind sein Beruf, sein ganzes Leben. An ihnen hangelt er sich durch die Wirklichkeit, Zahlen werden vor seinem inneren Auge mit Bildern und Gefühlen assoziiert. Und eines Tages, am 7.2.1982, einem Sonntag (!), passiert nach 32 Jahren als Buchhalter, was passieren musste: Während der Arbeit macht es „KAWUMM“ und ihn ergreift ein rauschhafter Strudel von (Tag-)Träumen, Kindheitserinnerungen, Phantasien. (Lassen wir mal offen, ob ein „Pfeifchen“ mitgeholfen hat, steht Kawumm in der Drogenszene doch für eine große Rohrpfeife mit zwei Öffnungen, die auch zu zweit geraucht werden kann.)

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So, wie Träume nun mal sind, läuft die Show ab. Verwirrend, schräg, wundersam und mit eigener Logik, mal spannend, mal ermüdend. Der kleine Mutzmann erlebt seine Kindheit mit Schaukelpferd und Jahrmarkt. Der Kleine Prinz, Pinocchio, Barbie und Peter Pan schauen vorbei, er erlebt Riesenflamingos und das Berlin der 20er Jahre.
Wunderbare Wesen bevölkern Mutzmanns Phantasien. Beispielsweise Donial Kalex, der mit viel zu vielen kleinen weißen Bällen jongliert und mit einer akrobatischen LED-Show verzaubert. Alessandro Di Sazio spielt förmlich mit der Schwerkraft am Chinesischen Mast (vertikal festgespannte Stange mit Gummibeschichtung), Mona Tesch und Laura ­Borkowski turnen am Vertikaltuch und in einem Würfel aus Stangen. Und Ye Fei, ein chinesischer Tenor, schmettert Puccinis großartige Arie „Nessun dorma! Nessun dorma! Tu pure, o Principessa, nella tua fredda stanza guardi le stelle che tremano d'amore e di speranza!“ in den Saal. „Niemand schlafe! Niemand schlafe! Auch du, Prinzessin, in deinem kalten Zimmer siehst die Sterne, die beben vor Liebe und Hoffnung!“ Wie für Herrn Mutzmann geschrieben ...

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Der Abend hat, neben den artistischen Höhepunkten, zwei Stars. Da ist zum einen Jack Woodhead (31). Grell geschminkt und gekleidet, als wäre er der Rocky Horror Picture Show entflohen, ein Paradiesvogel, der am Klavier mit eigenen Liedern und Conferencen den Traumwahnsinn begleitet: Lasziv, melancholisch, manchmal Gänsehaut erzeugend schön.

Und dann ist da Herr Mutzmann, alias Markus Pabst. Der eher als Kultregisseur zwischen Punk und Poesie bekannte Pabst irrlichtert durch die Träume des Arithmomanen Mutzmann. Und wie. Mal mit kabarettistischen Einschüben, dann wiederum taucht er als Papst (!) auf, der den zu Gehorsam, Anpassung und Intoleranz aufrufenden Predigttext einfach rückwärts liest und zu einem Plädoyer für Widerstand, Ungehorsam und Toleranz macht, und fordert „Wir brauchen das Leise und Tiefe“. (Ein Spruch, dessen ersten Teil sich das Team an der musikalischen Aussteuerung an seinen Arbeitsplatz hängen sollte.) Er dient als menschliches Schlagzeug, jong­liert Aktenordner, ist Untermann bei einer akrobatischen Nummer. Und er hält eine sehr ernste Rede an die Menschheit, die, beim Betrachten der heutigen Welt, in dem flammenden Appell „Lasst uns schreien, lasst uns weinen“ mündet.
Am Ende wird er zu Buddha, der kopfüber von der Decke hängt und die Menschen zum Träumen und zum Nutzen ihrer Phantasie aufruft – auch wenn es dann mal etwas konfuser zugehen kann, wie in Kawumm.

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Ob die zweistündige Flucht aus der realen Welt für Herrn Mutzmann einen therapeutischen Sinn machte, wissen wir nicht. Aber als Zuschauer*in geht man aus dieser schrägen, komischen, verzaubernden, bunten, toleranten, wilden Show gut unterhalten und ein wenig aufgerüttelt ­heraus. Vielleicht mit der Einsicht, dass man nicht immer bei allem nach Sinn und Logik fragen sollte. Nicht bei Shows, und erst recht nicht bei den eigenen Träumen und Fantasien. ubi

Spieldauer ca. 2¼ Minuten, inkl. Pause
Die nächsten Vorstellungen:
Bis 3.11.19 jeden Mittwoch bis Sonntag.

Donnerstag, 10.10.2019

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Letzte Aktualisierung: 23.02.2020 21:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn