Neues von Ekel Alfred - Kleines Theater Bad Godesberg - kultur 153 - Februar 2019

Neues von Ekel Alfred
Foto: Kleines Theater Bonn
Neues von Ekel Alfred
Foto: Kleines Theater Bonn

Die Premiere musste wegen der Erkrankung des Hauptdarstellers kurzfristig verschoben werden. Intendant Walter Ullrich ließ sein Publikum an den letzten Tagen des Jahres 2018 aber nicht im Stich und engagierte die großartige Sängerin Karin Pagmár mit ihrem Programm Die Reise nach Hollywood. Die gebürtige Schwedin, die in ihrer Paraderolle als Zarah Leander hier schon begeisterte, entführte mit beliebten Welthits (Mitsingen durchaus erwünscht) in die Glamourwelt der Filmmetropole. Anfangs melancholisch in eine nächtliche Whiskey-Bar, wo sie einst ihr Herz verlor, und dann als strahlender Evergreen-Star mit ihrer voluminösen Kontra-Alt-Stimme ein perfektes Konzert ablieferte. Großes Kino für die Ohren!

Aber Alfred Tetzlaff lässt sich nicht unterkriegen. Regisseur Peter Nüesch übernahm die Rolle – bei der Premiere am 7. Januar noch mit Text-Merkzetteln in der Hand – und verkörperte den kleinen Wutbürger mit vollem Einsatz. Alfred also, unermüdlicher Kämpfer gegen die „Roten“, Bismarck-Verehrer, Anhänger diverser Verschwörungstheorien, bekannt für frauen- und ausländerfeindliche Sprüche. Und weil die Welt da draußen ohnehin nicht zu retten ist („Ganoven aller Länder, vereinigt euch!“), ein Tyrann in den eigenen vier Wänden. Zwischen Küche und Wohnzimmer (aus dem Fundus recyceltes Bühnenbild) treibt Ekel Alfred nun also erneut sein Unwesen im Kleinen Theater Bad Godesberg. Nach anderen Episoden aus dem Leben des legendären Spießers 2012 und 2015 hat Intendant Walter Ullrich diesmal zwei seltener zu sehende Dramolette herausgesucht aus Wolfgang Menges satirischer TV-Serie Ein Herz und eine Seele, die in den 1970er Jahren geradezu Kult wurde.
Den Anfang macht Das Hähnchen, mit dem im Januar 1973 Familie Tetzlaff (noch in Schwarz-Weiß) die Bildschirme eroberte. Alfred kommt nach einem ‚anstrengenden‘ Arbeitstag nach Haus und findet niemanden vor, an dem er seinen Frust auslassen kann. Der Ofen ist aus, der Herd kalt, der Kühlschrank leer. Gattin Else hat sich im Café ein Stück Torte gegönnt, was sowieso schon an übelste Ausschweifung grenzt. Tochter Rita und Schwiegersohn Michael bringen Pizza mit: Italienische Mafia-Fladen, das Ende aller gutdeutschen Küche und Moral überhaupt. Der kleine Patriarch wütet also verbissen gegen so viel Sittenverfall.
Der erfahrene Schauspieler Peter Nüesch (im Kleinen Theater zuletzt zu erleben als Molières Geiziger und in Spoerls Feuerzangenbowle) überzeugt als dauererregter Kleinbürger, dem es vor Zorn und Selbstmitleid buchstäblich die Schuhe auszieht. Als brave Hüterin von Haus und Herd bewährt sich wieder Ursula Michelis. Ihre Else bewegt sich so unerschütterlich zwischen begnadeter Naivität und treudoofem Eheweibchen im Kittel (Kostüme: Sylvia Rüger), dass man ihr gern dabei zuschaut, wie sie ergebenst ihren angetrauten Fleischfresser mit viel Alkohol wieder auf die Spur von Koteletts und ­Hähnchen­keulen bringt.
Leonie Houber (Rita) und Dominik Penschek (Michael) als junges Paar haben es nicht leicht angesichts der väterlichen Dominanz. Ein Tapetenwechsel ins frei werdende Reihenhaus direkt nebenan wäre eine Lösung. So heißt denn auch der zweite (und dramaturgisch bessere) Einakter des Abends. Alfred wäre freilich nicht das geizige, auf Krach gepolte Ekel, wenn er seinen ‚Untertanen‘ mit ein paar Mark eine Existenz außerhalb seines direkten Kommandos gönnte. Wie soll er denn seinen dramatischen Launen frönen, wenn er keine Komparsen mehr hat? Da tapeziert er doch lieber das eigene Wohnzimmer neu, was bei seinem handwerklichen Geschick und seinem eigenwilligen Verhältnis zu Zahlen notwendig katastrophal endet. Folglich bleiben die erwachsenen Kinder ohne Protest im trauten Heim des komischen Schreckgespenstes.
Als neue Nachbarin Leyla mit türkischen Wurzeln weckt Regieassistentin Leonie Gareis Sympathie, nachdem sie zuvor schon zu Alfreds Leidwesen eine anrufbare Telefonzelle okkupierte. Da muss wohl Postmitarbeiter Fechner (Lutz Arkenberg, ansonsten Inspizient und technischer Leiter der Produktion) dran gebastelt haben. Egal: Die beiden leicht angestaubten Stückchen aus der Provinz der notorisch Unzufriedenen haben neben ihrem Unterhaltungswert eine merkwürdige politische Aktualität. Freundlicher Premierenbeifall für das tapfere Team. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 Stunden, inkl. Pause
Die letzten Vorstellungen:
29.-31.01.19

Mittwoch, 31.07.2019

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