Der Spieler - Werkstatt - kultur 131 - Dezember 2016

Der Spieler
Foto: Thilo Beu
Der Spieler
Foto: Thilo Beu

Erotik des Geldes


Man feiert in Roulettenburg. Große russische Festgelage, wenn Fortuna gnädig war. Den Weltschmerz, wenn der Einsatz von der Bank kassiert wurde. Manchmal hört man leise das Geräusch der Kugel im rot-schwarzen Roulettekessel. Der Musiker Jacob ­Suske singt ein trauriges Liebeslied für Polina. Mit diversen Instrumenten – darunter dem magischen Klang von singenden Gläsern – begleitet er die Geschichte von Aleksej Iwanowitsch, verkörpert von dem Schauspieler Hajo Tuschy. Die beiden haben zusammen mit der Dramaturgin Johanna Vater eine eigene Fassung von Dostojewskis 1867 erschienenem Roman Der Spieler erarbeitet und in der Werkstatt auch selbst inszeniert.
Dafür hat Patricia Ghijsens (Bühne und Kostüme) ihnen eine kleine Drehbühne entworfen, die voller Überraschungen steckt. Rot ist alles in dem anfangs reichlich unaufgeräumten Zimmer, in dem Aleksey, spärlich bekleidet mit schwarzem Slip und roten Kniestrümpfen, aufwacht. Für die russische Heimat steht das rote Matrjoschka-Püppchen, das er brav wieder zusammenbaut und damit erste Lacher im Publikum erntet. Mit einem roten Glas schickt er einen Zuschauer aus der ersten Reihe mit der Bitte um Wasser zur Theaterbar. Und erklärt nebenbei noch schnell Andy Warhols Liebesliga-Theorie. Tuschy gibt witzig improvisierend den Entertainer. Dabei nimmt er munter den selbstironischen Ton von Dostojewskis Erzähler-Figur Aleksej auf, fällt wie dieser ab und zu aus der Rolle und macht charmant die Zuschauer an. Den kleinen Hauslehrer hat es im Gefolge eines russischen Generals in das Spielerparadies verschlagen. Hoffnungslos verliebt in dessen Stieftochter Polina, um die sich auch der arrogante Chevalier Des Grieux bemüht. Tuschy spielt launig das ganze Personal der merkwürdigen Gesellschaft.
Mit einem schwarzroten Stiefel stampfend und rasch über den roten Rollkragenpulli gestreiften Epauletten verkörpert er seinen alten militärischen Dienstherrn, der nie einen Satz zu Ende bringt. Mit schwarzer Perücke auf der Glatze karikiert er das um Polinas Gunst buhlende Französlein. Mit rotem Plastikhaar spielt er seine Herzensdame, die seine Bemühungen kokett mit emotionaler Versklavung erwidert. Auf der runden Video-Projektionsfläche im Hintergrund erscheinen neben anderen Figuren mal die reizende Polina, mal die windige Blanche, die auf eine Zukunft als Generalsgattin spekuliert. Leider sind alle komplett pleite: Das ganze gute Geld ist an den Spieltischen ver­zockt.
Deshalb hofft man auf das per Telegramm avisierte Ableben der alten Großmutter. Die taucht freilich quicklebendig im Rollstuhl auf und liefert Tuschy eine gnadenlos komische Nummer, für die er zu Recht von seinem Kollegen am Keyboard opernmäßige Tusch-Varianten verlangt. Bevor die ergraute Petersburger Dame das Familienvermögen endgültig der Spielbank zubilligt, steigt sie doch lieber nüchtern in ihr grünes Koffergebirge und überlässt dem von der Erotik des Kapitals angefixten Aleksej den Rest. Der badet selig splitternackt in den gewonnenen Scheinen und verliert diese erwartungsgemäß bald wieder.
In der nachtschwarzen Kurhausbar hat Suske als unerschütterlicher Croupier und wortkarger Brite Astley einiges zu tun, bevor er das Karussell anwirft, aus dessen immer schnelleren Drehungen sein Freund Aleksej trotz aller akrobatischen Windungen nicht mehr rauskommt.
Eine schlichte Warnung vor den Gefahren der Spielsucht ist die Vorstellung nicht. Eher eine bitterböse musikalische Komödie mit zwei brillanten Spielern, die rotzfrech und unterhaltsam (ein paar übliche Albernheiten müssen nicht extra verrechnet werden) die unberechenbaren Kapitalströme anhand eines literarischen Klassikers untersuchen. Einen Besuch der kurzweiligen Vorstellung sollte man sich gönnen.
E.E.-K.

Spieldauer Ca. 100 Min., kEine Pause
die nächsten Termine:
3.12. ? 22.12.16 ? 5.01. ? 12.01. ? 18.01. ? 26.01.17

Donnerstag, 19.01.2017

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