Das Triadische Ballett - Junior-Company des Bayerischen Staatsballetts - Oper Bonn - kultur 130 - November 2016

Brillante Rekonstruktion

Brillante Rekonstruktion

Oskar Schlemmer selbst meinte zur Uraufführung 1922 in Stuttgart, dass das Triadische Ballett mit dem Heiteren kokettiere, ohne der Groteske zu verfallen. Davon konnte sich das Bonner Publikum in der ausverkauften Oper überzeugen. In der Reihe Highlights des Internationalen Tanzes gas­tierte die Junior-Company des Bayerischen Staatsballetts mit Gerhard Bohners Rekonstruktion des legendären choreografischen Experiments. Für Bohners Version komponierte Hans-Joachim Hespos 1977 eine neue Musik, die das Mensch-Maschine-Thema klanglich illustriert. Dieses wird in der Münchner Neuproduktion, einstudiert von Ivan Liška und Colleen Scott, erfrischend spielerisch aufgebrochen.
Die jungen Tänzerinnen und Tänzer sind keine Puppen, die die berühmten Schlemmer-Kostüme museal präsentieren. Auf der schwarzen Bühne sind die von Schlemmer entworfenen schillernden Kostümkunstwerke zwar optisch dominant, aber Teil einer raffinierten neuen Untersuchung der Beziehung zwischen Ding und Mensch, Mechanik und lebendiger Körperlichkeit.
Es geht in dem Triadischen Ballett um die Trias von Raum, Figur und Bewegung. Auch um Form, Farbe und Gewicht. Der vielfarbig leuchtende große Rock am Anfang erscheint wie etliche andere der insgesamt achtzehn Kostüme eher wie ein massives Bewegungs-Hindernis, gerät indes in schwerelose Schwingungen, wenn die Tänzerin auf der Spitze ihre Pirouetten dreht. Draht-, Spiral- und Kugelmenschen, bizarr ausgestopfte Gestalten und die beiden wie von einer runden Metallscheibe zerschnittenen „Scheibentänzer“ vollführen klassische Ballett-Figuren, wagen sich sogar an Sprünge und Hebungen. Sie lassen nie einen Zweifel daran, dass hier keine puren Kunstwesen agieren, sondern eigenwillige Individuen. Mehr noch: Bei aller geometrischen Abstraktion lassen sie Emotionen aufscheinen. Es gibt keine Handlung in den drei Teilen – Schlemmer nannte sie „Reihen“ und gab ihnen die Leitfarben Gelb, Rosa und Schwarz. Allein, zu Zweit oder zu Dritt entwickeln die Tänzer aus dem Kontrast zwischen Geometrie und Anatomie dennoch kleine Szenen. Da konkurrieren der Hampelmann und der weiße Harlekin um das anmutige Mädchen im bunten Kugelrock. Da werden die Scheibentänzer zu eifersüchtigen Kämpfern, die Goldkugeln präsentieren stolz ihre runden Bäuche, und der fette Taucher wa­ckelt hilflos mit dem Unterleib.
Das Ganze ist oft überraschend komisch, vor allem jedoch ein brillantes Spiel mit Figuren, die sich von den Fesseln des historischen Vorbilds befreit haben. Voller Respekt für den Versuch, eine radikal moderne, kinetisch-­visuelle Tanzsprache zu erfinden. Das vom Tanzfonds Erbe geförderte Projekt einer Reanimation der Rekonstruktion ist ein reizvoller einstündiger Ausflug in die Tanzgeschichte, ohne museal zu wirken. Das Bonner Publikum belohnte das exzellente junge Ensemble mit langem Beifall. E.E.-K.

Donnerstag, 19.01.2017

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