Der Entertainer - Kammerspiele - kultur 123 - Februar 2016

Der Entertainer, Theater Bonn, Kammerspiele
Foto: Thilo Beu
Der Entertainer, Theater Bonn, Kammerspiele
Foto: Thilo Beu

Gnadenlos
liebenswerte Familie


Kennen Sie den: „Fragt mich neulich mein Arzt: Haben Sie ein Alkoholproblem? Nein, sag ich, ohne ist scheiße.“ Und keiner lacht. Obwohl Showmaster Archie Rice wirklich kämpft um jeden Lacher im Publikum. Seine Witze sind einfach fad, die Welt hat seine Form des Unterhaltungstheaters einfach überrollt. Da steht er nun mit leerem Blick auf der Bühne, ein leicht alkoholisierter Varieté-Possenreißer, unerträglich gut gelaunt und völlig verzweifelt.
In Bonn spielt Glenn Goltz den Archie Rice. Die Rolle, die Laurence Olivier 1957 in London aus der Taufe hob und damit dem zornigen jungen Autor John Osborne zum endgültigen Durchbruch verhalf. Gustaf Gründgens verkörperte den Archie bei der deutschen ­Erstaufführung in Hamburg, für zahlreiche Bühnenstars wurde der „Entertainer“ zur Glanzrolle. Dabei geht es nur vordergründig um den verblassten Glanz der englischen Music-Halls, deren Verfall Osborne parallel setzt zum Abstieg einer Künstler-Familie und dem politischen Niedergang der britischen Weltmacht.
Regisseur Sebastian Kreyer lässt die historische Situation des Stückes weitgehend bestehen und verzichtet klug auf die Illustration der im Programmheft abgedruckten düsteren Gedanken des Dramaturgen Jens Groß zur aktuellen Theaterpolitik. Osbornes mit den Jahren vom widerständigen Sozial-Drama zum modernen Klassiker avanciertes Stück taugt auch nur bedingt zur Kritik am Relevanzverlust des Stadttheaters im öffentlichen Bewusstsein und gar nicht zur Beschwörung der Dominanz sich selbst finanzierender Populärkultur. Die Kunst, von der die Rice-Familie eine Zeit lang ganz ordentlich lebte, war ein Geschäft mit dem Vergnügungsbedürfnis der unteren Mittelschicht. Das wird nun anders befriedigt – ein ganz normaler Vorgang. Der Witz dabei: Ein paar sympathische Narren wollen’s nicht wahr haben und scheitern kläglich.
Kreyers Inszenierung macht daraus eine herrlich schrill-bunte Komödie über einen untergehenden Clan von Theaterträumern, die längst vor der tristen Wirklichkeit kapituliert haben, aber eisern weitermachen, bis ihnen das Dach über dem Kopf zusammenbricht. „Klatschen Sie nicht so laut, Ladies, dies ist ein altes Haus, es könnte leicht einstürzen“, frotzelt Archie. Im Bühnenbild von Matthias Nebel haust die Familie Rice direkt hinter dem Glitzer-Vorhang, vor dem Archie seine fürchterlich schlechten Show-Nummern abzieht. Gelegentlich unter kostümfreiem Einsatz seines Sohnes Frank Rice, der schlimmstenfalls nur mit einer Ukulele bekleidet auftritt. Und wenn Archie dann verkündet: „Ich habe auch eine Tochter; die heißt Basmati“, bleiben die Lacher recht spärlich.
Die Backstage-Stimmung ist ohnehin im Keller. Nur am Alkohol wird nicht gespart zwischen der schäbigen Wohnküche und dem sonstigen Sperrmüll-Mobiliar bis hin zum Schlafzimmer ganz hinten. Wolfgang Rüter schlurft da als alter Patriarch Billy Rice herum, der bessere Zeiten gesehen hat und alle mit seinen Erinnerungen und seiner Besserwisserei nervt. Aber Billy hat das gute alte Show-Business noch drauf und träumt sich im verschlissenen rosa Outfit virtuos seine verflossene Welt zurecht. Glenn Goltz gibt seinen Sohn Archie als gespenstisch brillanten Zyniker, schwankend zwischen Selbstmitleid und Selbstüberschätzung, Pumpgenie und Steuerfandung. Ein egozentrischer Midlife-Sunnyboy und Schmierenkomödiant mit Hang zu Girlies im Alter seiner Tochter Jean. Mareike Hein spielt berührend das tapfere Mädchen, das den Absprung ins bürgerliche Leben beinahe geschafft hat, nach geplatzter Verlobung bei Opa Billy und Stiefmama Phoebe Trost sucht und flugs wieder reinrutscht ins Familien-Unheil. In dessen tiefs­tem Schlamassel steckt Archies zweite Gattin schon so fest, dass sie dessen Seitensprünge weniger interessieren als der kaputte Toaster. Sophie Basse liefert eine unglaublich intensive, hoch sensible Interpretation dieser von allen Seiten gedemütigten Frau, die immer kurz vor dem hysterischen Nervenzusammenbruch einen Rest von Würde behält. Das verlotterte, langhaarige Muttersöhnchen Frank hängt nach Wehrdienstverweigerung und folgender Gefängnisstrafe an der Nadel oder voll bedröhnt in Mamas Bett. Daniel Breitfelder spielt den wortkargen Verlierer, bevor er als Comedian im roten Tunten-Fummel (Kostüme: Britta Leonhardt) allen die Show stiehlt. Noch tiefer als bis zu seinen billigen Lady-Diana-Witzen kann man im Gruselkabinett heutiger öffentlich-rechtlicher TV-Bespaßung kaum greifen. Dagegen sind Billys Old-School-Sketche und Archies Blödeleien geradezu intellektuelle Highlights. Aber endlich wird schallend gelacht…
Unter die Haut geht die Kriegs-Heimkehr des fröhlich lebendig erwarteten Sohnes Mick im Sarg. Als Schalk am Piano fungiert der Musiker Valerij Lisac. Große Freude macht das fabelhafte Schauspiel-Ensemble, das den fünf Figuren des bösen Kammerspiels alles gönnt: Sie sind versoffen, vulgär und politisch widerwärtig, hemmungslos eitel und sentimental, peinlich melancholisch und unverschämt lächerlich, in innigem Hass treu verbunden – aber genau deshalb ungeheuer liebenswert und wahnsinnig lustig. Am Ende ist der alte Clown tot. Das mühsam eroberte Geld geht zum Teufel in einem fetten Feuerwerk für alle. Sollte man nicht verpassen! E.E.-K.

Spieldauer ca. 2¼ Stunden,
keine Pause
die Nächsten Termine :
29.01. // 20.02. // 26.02. // 6.03. //
12.03. // 20.03.16

Dienstag, 16.02.2016

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