Biedermann und die Brandstifter - Kleines Theater Bad Godesberg - kultur 121 - Dezember 2015

Biedermann und die Brandstifter, Kleines Theater Bad Godesberg
Foto: Kleines Theater Bonn
Biedermann und die Brandstifter, Kleines Theater Bad Godesberg
Foto: Kleines Theater Bonn

Spiel mit dem Feuer



Man kann es in den Zeitungen lesen und in den TV-Nachrichten erfahren: Die Brandstifter sind wieder unterwegs. Die Muster ihres schändlichen Vorgehens sind bekannt. Dennoch wird Gottlieb Biedermann den Strolchen, die sich bei ihm eingenistet haben, die Streichhölzer geben, mit denen sie ihm das Dach überm Kopf anzünden. Im Namen der Menschlichkeit, denn Haarwasserfabrikant Biedermann ist ein braver, gutherziger Bürger. Wenn er sich die Eindringlinge zu Freunden macht, werden sie sein Haus verschonen. Glaubt er wider jede Vernunft. Die Benzinfässer auf seinem Dachboden, leicht entzündliche Holzwolle, die kriminelle Vergangenheit seiner Gäste – Biedermann hat Angst und ist deshalb blind für die Wirklichkeit.
Als politische Parabel ist Max Frischs „Lehrstück ohne Lehre“ seit der Uraufführung 1958 in Zürich regelmäßig interpretiert worden. Sein ironisch auf seinen Kollegen Brecht gemünztes Diktum von der „durchschlagenden Wirkungslosigkeit eines Klassikers“ schien indes auch Biedermann und die Brandstifter zu ereilen. Wie aktuell das Stück ist, beweist die neue Inszenierung von Intendant Walter Ullrich im Kleinen Theater. Auf der schlicht möblierten Bühne markieren Videos (Alexander Ourth) die Schauplätze vom Weinkeller bis zum Dachboden. Sie sind hier aber weder Notbehelf noch technische Spielerei. Über den großen Bildschirm im biedermeierlichen Schlafgemach flimmern als Video im Video Nachrichten von angezündeten Flüchtlingsheimen und andere gegenwärtige Brandherde.
Lorenz Schirren spielt den Herrn Biedermann nicht als Karikatur. Er ist dieser wohlhabende Kleinunternehmer, der rücksichtslos einen Mitarbeiter feuert und gleichzeitig seine Gutmenschen-Seele behauptet. Selbstverständlich teilt er Wein und Brot mit dem Obdachlosen, der plötzlich an seinem Tisch Platz nimmt und nach Essen und Unterkunft verlangt. Erwin Kleinwächter gibt den muskulösen, glatzköpfigen ehemaligen Ringer Schmitz mit gebührender Unverschämtheit. Ein wenig degoutant findet der ehemalige Oberkellner Eisenring das ungehobelte Verhalten seines Genossen durchaus. Der zierliche Martin Semmelrogge in Frack und Lack­schuhen ist eine Idealbesetzung für den feinsinnigen Feuerfreak. Fröhlich grinsend bastelt er an Zündkapseln und gepflegten Sprüchen. Scherzen ist gut, sentimentale Geschichten sind fabelhaft, aber die reine Wahrheit glaubt keiner. Unter Semmelrogges struppiger Frisur lauert genau der helle Kopf, der die noble Biedermann-Fassade zur Farce macht.
Luna Metzroth spielt elegant die tapfere Gattin des unerschütterlichen Patriarchen, Fabienne Hesse das schnippische Dienstmädchen. Dass irgendwas schiefläuft zwischen Furcht und Verbrüderung, ist offensichtlich. Während der bebrillte Dr. phil. (Olaf Böhnert) noch revolutionären Idealen nachhängt, haben seine Freunde einfach Spaß am Abflämmen der scheinbar soliden Verhältnisse. Die von Frisch als groteske Parodie des hohen Tons antiker Tragödien-Chöre angelegte Position der Feuerwehr und Polizei übernimmt Olaf Böhnert als warnende Kunstfigur: „Sinnlos ist viel, und nicht sinnloser als diese Geschichte: Die nämlich, einmal entfacht, tötet viele, ach, aber nicht alle und änderte gar nichts.“ Es ist nur eine bitterböse Komödie ohne schlichte Lösung. Aber brandheiß im Getümmel zwischen brutaler Fremdenfeindlichkeit und naivem Altruismus. Überzeugter Beifall bei der ausverkauften Premiere.

Spieldauer ca. 100 Minuten, eine Pause
die Nächsten Termine :
22. - 25.11. + 27. - 29.11.15

Dienstag, 02.02.2016

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