Benvenuto Cellini - Oper Bonn - kultur 121 - Dezember 2015

Benvenuto Cellini, Oper Bonn
Foto: Thilo Beu
Benvenuto Cellini, Oper Bonn
Foto: Thilo Beu

Turbulentes Künstlerdrama


Es gibt richtig viel zu sehen in der von witzigen Einfällen sprühenden Inszenierung der italienischen Regisseurin Laura Scozzi. Sie ist auch Choreographin und hält die Geschichte vom aufmüpfigen Renaissancekünstler Benvenuto Cellini ständig in Bewegung. Einen ganzen Skulpturenpark von Michelangelos David bis zu einem Schreitenden von Giacometti hat Bühnenbildnerin Barbara de Limburg ins Atelier des Bildhauers und Goldschmieds gestellt. Alles wird schließlich im Schmelzofen landen, weil Cellini das Material ausgegangen ist für seinen „Perseus“, dessen Fertigstellung sein Auftraggeber Papst Clemens VII. rigoros einfordert. Den Vorschuss hat Cellini mit seinen Künstlerkumpanen längst versoffen.
„Live Fast and Die Young“ steht auf seinem Sweatshirt (Kostüme: Jean Jacques Delmotte) – der Künstler als Popstar. Der Tenor Mirko Roschkowski ist eine Idealbesetzung für die Titelrolle. Mühelos meistert er die höllenschwere Partie und ist spielerisch fabelhaft präsent. Musikalisch ist die ganze Aufführung ohnehin ein Glanzstück. Generalmusikdirektor Stefan Blunier am Pult des Beethoven Orchesters geht bei seiner letzten Bonner Premiere noch mal risikofreudig in die Vollen, lässt die schillernde Farbigkeit der Partitur leuchten und kommentiert den Witz des turbulenten Bühnengeschehens brillant. Dass die Tonsprache des Komponisten und genialen Instrumentierers Hector Berlioz von seinen Zeitgenossen als krass empfunden wurde, ist begreiflich. Er war seiner Epoche voraus wie der ungebärdige Künstler Cellini, der in seiner Autobiographie mehrere Morde zugibt.
Mit dem historischen Cellini hat die kurzweilige Inszenierung (eine Übernahme aus Nürnberg, wo sie 2008 herauskam) ebenso wenig zu tun wie Berlioz‘ 1838 in Paris erfolglos uraufgeführte Oper. Gespielt wird (in der französischen Originalsprache) die von Franz Liszt gestraffte, sogenannte „Weimarer Fassung“ von 1852. Benvenuto Cellini ist eine „Opéra comique“, Scozzi nimmt das unverschämt wörtlich. Sehr komisch ist bereits die Anfangsszene, in der Teresa im rosa Pyjama schmollend im Schlafzimmer hockt und dem römischen Karnevalstreiben zuschaut. Anna Princeva spielt das reizende Girlie, das sich frustriert ein Eis aus dem Kühlschrank und auch mal einen Joint gönnt, lässt ihre wundervolle Sopranstimme aber in allen Lebenslagen strahlen. Lover Cellini versteckt seinen Rivalen Fieramosca (neu im Ensemble: der ungarische Bariton Csaba Szegedi) eigenhändig im Schrank, wo er durch ein Fensterchen lugt und den für die weitere Handlung wichtigen Entführungsplan mitbekommt. Denn Cellini ist verknallt in die hübsche Blondine Teresa, Töchterchen des päpstlichen Schatzmeisters Balducci, den Martin Tzonev mit souveränem Bass verkörpert. Der biedere, konservative Verwalter des vatikanischen Vermögens hat wenig übrig für den windigen Lebenskünstler.
Balducci wird ordentlich durch den Kakao gezogen bei der großen Karnevals-Show, die hier zu einer aberwitzigen Song-Contest-Parodie gerät. Dabei gerät Fieramoscas Komplott fast zur Nebensache. Der will im Mönchsgewand Teresas Entführung vereiteln, was den Tod seines Handlangers Pompeo (Johannes Mertes) zur Folge hat. Umgebracht von Cellini, der wieder mal entwischen kann.
In der Hosenrolle des Ascanio, Cellinis Lehrling, entzückt mit feinem Mezzosopran Marta Wryk. Mit dem charmanten Jüngling vertreibt sich Teresa in Cellinis Atelier die Zeit beim Betrachten einer lustigen Video-Bilderstrecke von der rauschenden Karnevalsparty. Bis Cellini wieder auftaucht und bald auch der aufgebrachte Papa mit dem Schleimer Fieramosca, den Teresa gefälligst ehelichen soll. Zum Glück greift seine (Schein)Heiligkeit persönlich ein. Ganz in Weiß erscheint der Papst mit (männlichem) Nonnengefolge, tänzelt kokett übers Sofa und lässt an seinen homoerotischen Neigungen keinen Zweifel. Rolf Broman verkörpert mit schlankem Bass den mächtigen Kirchenfürsten, der über Recht und Gesetz steht und seinem Favoriten Cellini ein letztes Mal die versprochene Skulptur abfordert. Die Sache wird brenzlig, als die Bronze knapp wird und zu allem Überfluss die Gießer streiken. Also ins Feuer mit dem ganzen Kunstplunder, damit das neue Werk entstehen kann. Derweil träumt sich Cellini mit seiner Teresa liebesselig in eine putzige Alpenidylle. Der Guss des „Perseus“ gelingt, seinem Schöpfer wird alles verziehen. Riesenjubel des versammelten Volkes.
Eine Feuerprobe für den Chor ist Berlioz‘ Oper gewiss. Der Bonner Opernchor unter seinem neuen Leiter Marco Medved meistert seine extrem anspruchsvolle Aufgabe hervorragend und zeigt sich so spielfreudig wie das ganze Ensemble, zu dem auch noch eine siebenköpfige Tanztruppe gehört. Große Oper also – voller Überraschungen, intelligent respektlos und sehr unterhaltsam. Enthusiastischer Premierenbeifall.
Spieldauer ca. 3 Stunden inkl. einer Pause
die weiteren Termine :
3.12. // 13.12. // 27.12.15 // 2.01. // 13.02.16

Donnerstag, 28.01.2016

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