Schöne neue Welt - Halle Beuel - kultur 119 - Oktober 2015

Schöne neue Welt
Foto: Thilo Beu
Schöne neue Welt
Foto: Thilo Beu

Perfekt konditionierte Gesellschaft



Kulturelle Bildung widerspricht dem Interesse der Allgemeinheit in dem neuen Weltstaat, den Aldous Huxley in seinem 1932 erschienenen Roman Brave New World vorstellt. Dennoch sind verschiedenste Bücher auf den Zuschauersitzen in der Halle Beuel verteilt, aus denen man zunächst eine Passage gemeinsam vorlesen darf. Es ist – raffiniert in die Bände eingefügt – überall dieselbe. Es geht um die perfekte Organisation der Gesellschaft, in der nun die Zeitrechnung A.F. (after Ford) gilt. Huxleys „Hypnopädie“ darf man sogar selbst ausprobieren. Das Publikum wird gruppenweise in einen Raum hinter der Bühne gebeten, wo man auf weißen Liegen Platz nimmt, mit Schlafmaske und Kopfhörer versorgt wird. Eine freundliche Stimme begrüßt jeden in der besten aller Welten. Als Mitglied der Kas­ten Alpha, Beta, Gamma, Delta sei man optimales Mitglied der glücklichen Gemeinschaft, in der Zufriedenheit und Konsum oberste Pflicht seien.
Der irische Regisseur Gavin Quinn macht die Zuschauer also zu Teilnehmern eines Systems, das sich Gesundheit, Frieden und Stabilität auf die Fahne geschrieben hat. Ein Störfaktor sind die beiden Wilden aus einem fernen Naturreservat, die der als Alpha möglicherweise durch einen Fabrikationsfehler nicht ganz makellos geratene, ehrgeizige Bernard Marx (Alois Reinhardt) eingeschleppt hat. Birte Schrein spielt großartig die körperlich und geistig aus der Idealform geratene Linda, die schwanger in der Fremde zurückblieb, einen mittlerweile erwachsenen Sohn gebar und ihn zufällig anhand von Shakespeares Werken das Lesen lehrte. Ihr zerlumptes lila Beta-Kleid (Kostüme: Alissa Kohlbusch) trägt sie immer noch und schämt sich zutiefst ihrer natürlichen Mutterschaft. Bernard bedauert nicht, dass Johns schmutzige Erzeugung den mächtigen Henry Foster (Hans Piesberger, ab Mitte Oktober Andrej Kaminsky) den Job kostet.
Denn für genetisch einwandfreien Nachwuchs sorgen längst saubere Ballonflaschen in Produktionsfabriken. Die Konditionierung besorgen Aufzuchtzentren mit Spezialisten für „emotional engineering“. „Zivilisation ist Sterilisation“ und „Jeder gehört Jedem“, weiß Beta-Girl Lenina (Lydia Stäubli). Die Metaphern des wie Romeo in sie verknallten John Savage (hervorragend: Robert Höller) versteht sie einfach nicht. Ihr heftiger Verführungsversuch („Kiss me to Koma“) scheitert kläglich, zumal sie unbekleidet wie ein Plastikgeschöpf erscheint. Trost bei Golf und Badminton spendet ihre vollbusige Herzensfreundin Fanny (Mareike Hein). Benito Hoover (Benjamin Berger) hat für die
Erziehung zur gesellschaftlich erwünschten Promiskuität stets Hormonkaugummi dabei. Normalerweise reicht für Gangbang-„Orgy-Porgy“ aber schon die kostenlose Glücksdroge Soma.
Damit werden die fleißigen Epsilons von den silbergrauen Alphas und der Roboter-Krankenschwester Clara (Johanna Falckner) im Moribunden-Hospital großzügig versorgt. Die „Halbdeppen“ kriegen im Bühnenbild von Aedin Cosgrove nur noch schwarze Stühle, während der für Westeuropa zuständige „World Controller“ Mustapha Mond (Andrew Bennett / Hans Piesberger) mit den Superalphas sonnig philosophiert über die Schädlichkeit von Wissenschaft und Kunst. Propaganda-Dozent Helmholtz Watson (Daniel Breitfelder) versucht sich derweil an Lyrik. Seine freien Verse sind zwar gegenüber Shakespeares Sonetten noch etwas holprig, aber in der Verbannung auf den kalten Falkland-Inseln möchte er gern weiter üben. Bernard bevorzugt die warmen Tropen, nachdem John Savage seinen Star-Allüren eigenwillig in die Partysuppe gespuckt hat. Die Konsequenz liefert die letzte Seite der Bücher. Die brutale künstliche Seligkeit ist nämlich noch unerträglicher als offene Gewalt.
Zur dramatischen Klima-Situation und der aktuellen Völkerwanderung passt die Aufführung insofern gut. Die Premiere im Rahmen des vom Schauspiel Bonn zusammen mit dem Internationalen Beethovenfest Bonn veranstalteten Festivals „Save the World“ fand viel Beifall und bleibt auch weiterhin ansehnlich. E.E.-K.

Spieldauer ca. 100 Minuten, keine Pause
die Nächsten Termine :
9.10. // 15.10. // 21.10. // 23.10. // 28.10. // 7.11. // 10.11. // 21.11.15

Donnerstag, 08.10.2015

Zurück

TERMINE

Momentan können wir Ihnen leider keine Termine anbieten.

Merkliste

Veranstaltung

Momentan befinden sich keine Einträge in Ihrer Merkliste.

Letzte Aktualisierung: 25.10.2020 14:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn