Eine Nacht lang Familie - Werkstatt - kultur 116 - Mai 2015

Eine Nacht lang Familie
Foto: Theater Bonn
Eine Nacht lang Familie
Foto: Theater Bonn

Unfrohes Fest


„In diesem Frühling…“ summen sie versonnen auf die Melodie von „Am Weihnachtsbaume“. Aber die Festtagsstimmung blüht nur mäßig auf am Familientisch, den Margrit für ihre Angehörigen gedeckt hat. Es sind einander fremd Gewordene, jeder auf seine Weise unglücklich und einsam. „Das Wort ‚Familienbande‘ hat einen Beigeschmack von Wahrheit“, lautet ein vielzitierter Aphorismus von Karl Kraus. Im Zeitalter der Patchwork-Familien erscheinen die verwandtschaftlichen Bande eher gelockert, und das alte Modell der dauerhaften Verbindung über Generationen wirkt reichlich obsolet. Dennoch: Die Familie hat derzeit Konjunktur in der Literatur und auf den Bühnen.
Im Auftrag von Theater Bonn hat die Schweizer Autorin Sabine Harbeke mit acht Mitgliedern des Schauspiel-Ensembles ihr neues Stück Eine Nacht lang Familie entwickelt und in der Werkstatt seine mit viel Beifall bedachte Uraufführung inszeniert. Hier wird nicht abgerechnet mit schweren Verfehlungen wie bei Thomas Vinterbergs Dogma-Film Das Fest, dessen dramatische Substanz die Familiennacht bei weitem nicht erreicht. Es gibt keinen dominierenden Vater und keine verschwiegenen Grausamkeiten, stattdessen jedoch Figuren, deren verletzliche Normalität die feinen Risse in einer Gesellschaft aufdeckt, die zwischen Bindungsangst und Sehnsucht nach Geborgenheit schwankt. Interviews mit Bonner Bürgerinnen und Bürgern lieferten die Inspiration für die Bühnengestalten, die Harbeke den Spielern auf den Leib geschrieben hat. Wobei der lokale Bezug letztlich ein Nebenaspekt bleibt angesichts der präzisen Personenstudien und individuellen Geschichten.
Man schaut diesen Figuren mit wachsendem Interesse zu, auch wenn auf der Handlungs-Oberfläche nicht viel passiert. Aber seismographisch fein gezeichnet die leisen Erschütterungen aufscheinen, die die Festtafel gefährlich ins Schlingern bringen und schließlich wegkippen lassen. Die Rückseite der Tischplatte ist ein Spiegel, der die gescheiterten Lebensträume reflektiert. Ausstatterin Clarissa Herbst hat die Szenerie mit einem grünschillernden Seidenvorhang umgeben, auf dem die Strichmännchen des Kindes Simon verschwinden, während sich immer mal wieder jemand zurückzieht aus dem Konversationsfluss.
Die fabelhafte Ursula Grossenbacher spielt Margrit, die ihre Gäste kühl distanziert durchmustert. Sie ist eine selbstständige Frau, die ihre Nachkommen zum ökonomischen Überleben nicht braucht, aus Erfahrung mit Gefühlen recht sparsam umgeht, aber im zärtlichen Blick­kontakt mit dem unschuldigen Enkel die merkwürdige Erwachsenenwelt einer ironischen Prüfung unterzieht. Dass es zwischen Weinseligkeit und Katzenjammer ein wenig nach schlecht gelüftetem Bügelraum riecht, konstatiert nüchtern die attraktive Miranda (Lydia Stäubli), Wäschereiangestellte mit vom Ehemann verweigertem Kinderwunsch. Ob dafür ihr langjähriger Kunde, Margrits erstgeborener Sohn Horst-Holger, eine Lösung ist, bleibt zweifelhaft. Sören Wunderlich spielt glänzend den schlaksigen Dauerverlierer, der es auf Umwegen (z.B. Spielsucht) zum Binnenhafen-Kranführer geschafft hat. Sein zehn Jahre jüngerer Bruder Moritz (Samuel Braun) wurde unversehens Vater und verdient nach abgebrochenem Studium sein Geld als Altenpfleger. Dass die Nachbarin sich dem Islam zugewandt hat und nun als Awra mit Kopftuch rumläuft (Birte Schrein als beseelte Konvertitin), findet deren Sohn Leon (Jonas Minthe) zwar ein bisschen peinlich, aber ebenso akzeptabel wie seine Freundin Emma (Maya Haddad). Margrits Nichte ist als Hebamme zuständig für Lebensanfänge. Ihren verwitweten Vater Arthur, Margrits Schwager, gibt Bernd Braun eine leise Burn-Out- Verzweiflung, während die Jüngeren noch traumtänzerisch an neuen ­Glücksversuchen basteln, ihre Verletzungen pflegen und frisch verheilte Narben aufreißen. Manches wird buchstäblich unter den Teppich gekehrt.
Und so hängen sie trotz aller Wirklichkeitsanbindung fest auf ihrer Vergeblichkeitsspur als Kunstfiguren in Margrits ultimativer Inszenierung. Mit dem Rücken zum Publikum zelebriert sie ihren dramatischen Aufbruch, dessen Ziel ungewiss bleibt: „Der Tod ist nur eine Möglichkeit zu gehen.“ Sie verlässt jedenfalls für immer ihre blutleere Spießer-Verwandtschaft, die hübsch lebensschmerzsüchtig im Biedermeier des 21. Jahrhunderts vor sich hin vegetiert. Tragikomische Passanten zwischen Familien-Unheil-Fragmenten – mit einer virtuosen Spielertruppe jedoch intelligent zusammenkomponiert. E.E.-K.

Spieldauer ca. 1¾ Stunden,
keine Pause

Dienstag, 25.08.2015

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