Königsdramen II (Trümmer) - kultur 112 - Januar 2015

Königsdramen II (Trümmer)
Foto: Theater Bonn
Königsdramen II (Trümmer)
Foto: Theater Bonn

Im Strudel der Vernichtung



Die Schaumstoff-Köpfe aus dem ersten Teil sind ordentlich in rückwärtigen Regalen verstaut und mit Plastikplanen verhängt. König Heinrich V. (Hajo Tuschy) ist tot und geistert als Gespenst über die aus der hölzernen Wand geklappte steile Schräge, an deren unterem Ende schon eine Grube lauert für die Leichen, von denen etliche zu entsorgen sind bis zur Vernichtung aller Träume.
Wie bereits im ersten Teil der Königsdramen hat Regisseurin Alice Buddeberg das riesige Figurenarsenal von Shakespeares Tragödien massiv reduziert und lässt Gestorbene in anderen Rollen wieder auferstehen. Die umfangreiche Trilogie Heinrich VI. ist in der sprachlich präzisen, lakonisch modernen Übersetzung von Thomas Melle auf das Wesentliche konzentriert und mündet nach der Pause in dem berühmtesten Schurkenstück der Weltliteratur: Richard III. Dass sich manche beiläufig artikulierten Sätze im weiten Horizont des Bühnenbildes von Sandra Rosenstiel (Pate stand Shakespeares Globe-Theater) verlieren, tut der Sache keinen Abbruch. Der gelegentlich ins Groteske verschobene oberflächliche Aktionismus der „Träume“ ist einem abgründigen Totentanz über „Trümmern“ gewichen, der trotz einiger Flapsigkeiten in charakterliche Tiefendimensionen einsteigt.
Dass er als hilfloser Säugling auf den Thron gesetzt und seine Jugend „mit der Kronen­keule zerbeult“ wurde, wird König Heinrich VI. nicht müde zu betonen. Robert Höller spielt eindrucksvoll den kindlichen Herrscher im Ringel-Shirt und kurzen Hosen (Kostüme: Petra Winterer), der später melancholisch auf seinem Hügel die Sehnsucht nach dem einfachen Hirtenleben besingt.
Zum ersten Mal Erotik ins Spiel bringt Mareike Hein als Margareta, vom schmierigen Intriganten Suffolk (Daniel Breitfelder) ins königliche Bett bugsiert. Ein pralles Vollweib mit Pistolengürtel und unbändigem Machtinstinkt, dem außer dem feigen Prinzenvormund Gloster (Alois Reinhardt) schließlich auch Playboy Suffolk zum Opfer fällt. Von Schusswaffen wird hier in Wildwestmanier gern Gebrauch gemacht gegen politische Konkurrenten. Manchmal wird auch fantasievoller gemordet mit Hilfe von Wassereimern oder gar mit süßen Prinzenrollen, an denen die niedlich naiven Söhne König Edwards IV. (Bernd Braun, vorher als kampfesmüder Herzog York zu erleben) ersticken. Robert Höller und Hajo Tuschy mimen putzig Richards im Tower verendende Neffen, Daniel Breitfelder spielt den zögernden Mordgehilfen Hastings, der die Schlächterei satt hat und deshalb seinen Kopf verliert. Sören Wunderlich verkörpert den aalglatten Drahtzieher Buckingham, dem es ebenfalls schnell an den Kragen geht.
Blut fließt kaum noch aus den Herzen und Hälsen der schnöde Gemeuchelten; aus den Maskenköpfen rieselt dunkler Dreck. Einen großen Moment hat Mareike Hein als schwarze Witwe Anna, die der zynischen Verführungskunst Richards erliegt und dran glauben muss, wenn ihr Gatte um Elisabeth wirbt. Sie ist die einzige echte Gegenspielerin (aus guten Gründen männlich besetzt mit dem brillanten Alois Reinhardt) des genialen Todeskünstlers Richard. Elisabeth hat alles verloren und ist deshalb frei für das Nichts, das Richard III. wie sie als Grundprinzip des Daseins behauptet.
Laura Sundermann, fast durchsichtig zart im weißen Unterhemd und schwarzer Hose ist nicht das böse bucklige Monster, sondern ein geschlechts- und altersloses einsames Königskind, das spielerisch ausprobiert, wie weit es bei der Verwüstung des Daseins gehen kann. Neugierig und ungeduldig macht es seine Puppen kaputt, in denen jedoch nichts zu entdecken ist. Alles Leben ist grundlos, Gefühle und Gewalt sind nur Schatten des großen Nichts. Dieser Richard III. muss kein Königreich mehr für ein Pferd tauschen, weil er die Schlacht gleichzeitig gewonnen und verloren hat. Denn er hat die Welt begehrt und zerstört und ihre Nichtigkeit erkannt. „Ich hab in meinem Leben auf Alles oder Nichts gesetzt“ – die Bühne ist grausam leer.
In seinem Geist zogen sie aber noch mal vorbei, der vergnügungssüchtige Richard II., der tüchtige Heinrich IV., der vom Nichtsnutz zum souveränen Feldherrn mutierte Heinrich V., der schwache Heinrich VI. und die sonstigen Ahnen und Verwandten, die die Trümmer hinterließen, auf denen der letzte weltverlassen sich selbst negiert.
Trotz vieler überflüssiger Albernheiten ein verdammt ernstes Kinderspiel mit denkwürdigen Momenten.
Spieldauer ca. 3 Stunden
inkl. einer Pause
die Nächsten Termine:
Königsdramen I :
7.01. // 10.01. // 17.01. // 27.01.15
Königsdramen II
11.01. // 13.01. // 18.01. // 25.01.15
Beide Teile der „Königsdramen“ werden vorläufig nur separat an verschiedenen Abenden aufgeführt. Bei einigen Vorstellungen kann man per Übertitelungs-Display Shakespeares Originaltext mitlesen, allerdings nur sichtbar von den oberen Plätzen in der Mitte. Warum in die reguläre Bestuhlung (die Zuschauerzahl ist sowieso recht begrenzt) noch hübsche Sessel und Sofas gemixt sind, muss man nicht unbedingt wissen. E.E.-K.

Donnerstag, 15.01.2015

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