Stefan Blunier - kultur 55 - 3/2009

E. Einecke-Klövekorn trifft Stefan Blunier - Musikalische Gipfelstürme und regelmäßige Bon(n)bon(n)s

Die schillernden Bonbons als neues Markenzeichen des Beethoven Orchesters Bonn sind in der Stadt kaum zu übersehen. Wobei die Zugabe, die der neue Bonner Generalmusikdirektor Stefan Blunier als Überraschungs-Bonbon nach fast allen Konzerten des BOB verspricht, nicht immer zuckersüß sein muss. Mit einer kräftigen Prise Pfeffer würzt der agile Schweizer seine Programme gern und hält auch selbst die Einführungsvorträge zu seinen Konzerten, kurz bevor er ans Pult eilt. Klar, dass er dabei gelegentlich aus dem Dirigenten-Nähkästchen plaudert. Was so flott improvisiert wirkt, braucht jedoch eine Menge Vorbereitung. Denn Blunier ist ein absoluter Perfektionist, der für Laien verständlich und für Kenner interessant sein will und seine sprachlichen Pointen genauso sicher setzt wie seine Tempi und gedanklichen Zuspitzungen beim Musizieren.
Stefan Blunier wurde 1964 in Bern geboren. Sein Großvater, sein Vater und dessen Brüder spielten Horn im Thuner Laienorchester. „Sie waren die Cracks in der Kleinstadt. Doch niemand in der Familie erwog ernsthaft, aus der Musik mehr als ein Hobby zu machen.“ Blunier lernte neben dem Horn Klavier, hörte viele Konzerte im Radio und fing an, dabei die Partituren zu studieren. Statt aufs Lehrerseminar zu gehen, begann er mit 15 Jahren eine Ausbildung an der Berner Musikhochschule. Deren Direktor fand, dass der vielseitig begabte Junge ein Dirigen­tentyp sei. Blunier studierte ab 1984 an der Folkwang Schule Essen Dirigieren bei Professor Reinhard Peters und wurde nach dem Abschluss­examen Korrepetitor und Zweiter Kapellmeister in Mainz. Es folgten ein dreijähriges Engagement als Erster Kapellmeister in Augsburg und sechs Jahre in derselben Funktion am Nationaltheater Mannheim. In den 90er Jahren war er Preisträger bei Dirigierwettbewerben in Besan­çon und Kopenhagen. Er gastierte bei zahlreichen deutschen Rundfunkorchestern und u. a. bei der Staatskapelle Weimar, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und dem Gewandhaus Orchester Leipzig. Operngastspiele führten ihn z.B. an die Bayerische Staatsoper München, das Staatstheater Stuttgart, die Deutsche Oper Berlin, nach Montpellier und Oslo. In der Saison 2004/05 dirigierte er an der Leipziger Oper Mozarts Zauberflöte und Wagners Tannhäuser und gab sein Debüt an der Hamburger Staatsoper mit Bizets Carmen. In der Komischen Oper Berlin stand er in den letzten Jahren bei Webers Freischütz und bei Prokofjews Liebe zu den drei Orangen am Pult.
Am Staatstheater Darmstadt, wo Blunier von 2001 bis 2008 als Generalmusikdirektor wirkte, stieß er auf ein sehr neugieriges Konzertpublikum, das seine Vorliebe für die Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts teilte und für eine fast 100-prozentige Auslastung sorgte. „Unser Orff-Zyklus war ein Mega-Event. In Bonn ist meine erste Konzertsaison nicht halbwegs so ‚hardcore’.“ Ende November hat Blunier bei seinem Einstand als GMD in der Beethovenhalle mit Ligetis Lontano, Schönbergs Fünf Orchesterstücken op. 16 und Strauss’ opulenter Alpensinfonie einen Klangfarbenrausch entfacht. Mitte Januar führte der bekennende Busoni-Fan zusammen mit dem Pianisten David Lively „Klaviertitanen“ ins Feld und ließ sie zwei Tage später bei einem Gastspiel in der ausverkauften Kölner Philharmonie noch mal triumphieren. Am 20. Februar dirigiert er zum ersten Mal das traditionelle Karnevalskonzert des BOB. „Mit den speziellen Gepflogenheiten der bonnensischen fünften Jahreszeit muss ich mich allerdings noch vertraut machen und weiß noch nicht genau, bei welchen Anlässen eine Narrenkappe erforderlich ist.“
Eine Wohnung wenige Schritte von der Bonner Oper entfernt hat er inzwischen gefunden. „Zum Bahnhof ist’s auch nicht weit und mit dem Zug ein Katzensprung nach Mannheim.“ Denn dort arbeitet seine Frau als Orchestermusikerin, und dem fünfjährigen Sohn möchte er keine dauernden Umzüge in fremde Städte zumuten. Auch wenn sein privater Lebensmittelpunkt seit langem in Mannheim liegt – prägen möchte Blunier das Bonner Musikleben in den nächsten Jahren (sein aktueller Vertrag reicht bis 2013) ganz entschieden. Kompositionen des 20. Jahrhunderts bilden dabei einen klaren programmatischen Schwerpunkt, allerdings in dramaturgisch raffinierten Kombinationen mit scheinbar vertrauten Repertoire-Klassikern und historischen Raritäten. „Very British!“ wird’s z.B. beim Sonntagskonzert am 15. März mit William Walton, Edward Elgar und Antonin Dvo?áks „englischer“ Sinfonie (s. S. 12).
Das Bonner Orchester kennt Blunier schon seit fast einem Jahrzehnt. Wenn er nicht sicher gewesen wäre, dass die Grundchemie stimmt und dass die Mitglieder für Neues offen sind, hätte er sich nicht für den Chefposten entschieden. Natürlich könnte er auch als freier Dirigent arbeiten; ihn reizen jedoch die gestalterischen Möglichkeiten als GMD. „Außerdem bin ich geradezu ein Zahlenfetischist und liebe es, Listen zu führen und rechnen zu müssen. Das ist zwar manchmal eine Belastung, aber auch eine Baustelle, bei der einige Gehirnregionen ausruhen können und andere aktiviert werden.“
Sehr spannend fand er am Tag zuvor die elfstündige Marathonsitzung zur Vorstellung der Entwürfe für das neue Beethoven-Festspielhaus. „Faszinierend ist die Professionalität und Sorgfalt der Planungen. Perfekt wäre eine Synthese von visueller und akustischer Exzellenz. Absolute Priorität muss freilich das sinnliche Klangerlebnis haben. Die alte Beethovenhalle fand ich gar nicht mal so schlecht. Genauere Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass der Platz des Dirigenten der beste im ganzen Haus ist. Wenn man in etlichen Reihen etwas völlig anderes hört, verfälscht das unsere Arbeit und betrügt das Publikum um den ihm zustehenden Genuss.“
Fürs Publikum möchte er schließlich spielen und viele neue Zuhörer gewinnen. Zu seinen Vertragsbedingungen gehörte das Engagement eines hauptamtlichen Konzertpädagogen. Mit durchschlagendem Erfolg: Die von Thomas Honickel geleitete Reihe „Bobbys Klassik“ ist ein Renner. Die seit Beginn dieser Spielzeit ins große Opernhaus verlegten sonntäglichen Familienkonzerte könnte man angesichts des Publikumszuspruchs noch öfter anbieten. Leider gibt es Kapazitätsgrenzen. „Kaum ein Orchester macht so viele Konzertprogramme zusätzlich zu den Operndiensten. Dabei haben wir keine wirklichen Probenräume, und die Dis­position in der ständig anderweitig genutzten Beethovenhalle ist ein echtes Problem. Unter besseren Bedingungen könnten wir viel mehr Gastspiele und CDs machen. Wir haben unzählige Anfragen, doch unsere Unentbehrlichkeit vor Ort zwingt uns zu organisatorischen Kompromissen.“ Für ästhetische Kompromisse hat Blunier ebenso wenig übrig wie für die Beliebigkeit des Jet-Set-Betriebs. „Da stehen Spielpläne Jahre im Voraus fest, Verträge und exakte Termine mit Künstlern werden jedoch immer später abgeschlossen. In London und anderen Metropolen muss­te ich bereits diverse Projekte absagen.“ Selbstverständlich gibt es trotzdem schon mittelfristige Tourneepläne und Ideen, mit denen die Beethovenstadt weltweit glänzen kann.
Beim Nachmittagskaffee freut sich Blunier erst mal auf die zweite Elektra-Aufführung nach der umjubelten Premiere (s. Kritik S. 3). „Die Vorstellung ist so gut wie ausverkauft, obwohl diese Oper üblicherweise eher als Kassenkiller gilt. Ich war wirklich überrascht, wie sehr sich das Bonner Opernpublikum offenbar von Richard Strauss’ nervöser, abgründiger Musik berühren ließ.“ Dass im Rahmen des nächsten Beet­hovenfestes am 18. September mit Tannhäuser eine erneute Zusammenarbeit mit dem Regisseur und Generalintendanten Klaus Weise Premiere hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Als nächste Musiktheater-Herausforderung steht die selten gespielte Oper König Roger des Polen Karol Szyma­nowski (Premiere am 10. Mai) auf Bluniers Programm. „Was Strauss eher morbide und düster angeht, kommt hier fast impressionistisch und goldglänzend daher. Die Handlung ist etwas vage, aber es wird trotz der meditativen Grundstimmung kein Oratorium“.
„Im nächsten Leben würde ich gern Psychologe“, ges

Donnerstag, 08.12.2011

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