Die Fledermaus - Oper Bonn - kultur 165 - April 2020

Die Fledermaus
Foto: Thilo Beu
Die Fledermaus
Foto: Thilo Beu

von Johann Strauss; Süße Rache und die Majestät des Champagners

Süße Rache und die Majestät des Champagners
Bei der ausverkauften Premiere konnte man noch witzeln über die Furcht vor Corona. Wenige Tage später übernahm das Virus die Weltherrschaft. Dass ein falscher Feueralarm dem Premierenpublikum auch noch ein Duett des Frosch (samt Hund des Regisseurs) mit einer Sirene bescherte, erschien im ersten Moment wie inszeniert bei der ungemein vergnüglichen Vorstellung in der Regie von Aron Stiehl, der in Bonn zuletzt mit hinreißendem Esprit Mozarts Hochzeit des Figaro auf die Bühne brachte. Ein großer Teil des Ensembles ist auch wieder dabei in ­Johann Strauss‘ Fledermaus, dem Inbegriff der klassischen Wiener Operette.
Schon bei der vom Beethoven Orchester unter der Leitung von Daniel Johannes Mayr spritzig gespielten ­Ouvertüre lüftet sich der rote Samtvorhang. Man sieht tanzende Füße, mitunter auch kopfüber zappelnde ­Gestalten. Die Choreografie von Bärbel Stenzenberger, die zudem noch Adeles reizende Schwester Ida spielt, ist ein absolutes Glanzstück des von witzigen Einfällen nur so sprühenden Abends. Vor allem beim Maskenball im Palais des reichen russischen Prinzen Orlofsky liefern die eigens für diese Produktion engagierten neun Tänzerinnen und Tänzer eine fulminante Show ab. Wobei einer wegen einer Probenverletzung im Rollstuhl sitzend mit Kopfhörern als merkwürdig geistesabwesende Gestalt vom Gastgeber besonders aufmerksam betreut wird. Die rollenerfahrene Mezzosopranistin Susanne Blattert singt und spielt die große Partie glänzend in einem eleganten halb männlichen, halb weiblichen Outfit (wunderbare Kostüme: Okarina Peter), und auch sonst dürfen die Geschlechterrollen beim rauschenden Fest munter vertauscht werden. „Chacun à son goût“ heißt schließlich die Devise. Beim Erscheinen seiner fürstlichen Hoheit mit „Pomp and Circumstance“ fordert der Dirigent das Publikum auf, sich von den Sitzen zu erheben. Was dieses ebenso fröhlich mitmacht wie später das Klatschen beim „Radetzkymarsch“ von Johann Strauss (Vater), zu dem die Gefängnisinsassen im dritten Akt aus ihren Zellen in den Zuschauerraum verduften. Fabelhaft präsent ist auch der ungemein spielfreudige und bewegliche, von Marco Medved einstudierte Opernchor.
Die Geschichte hat ihre Wurzeln auf dem Boulevard. Zugrunde liegt ein deutsches Lustspiel, das als Vorlage für eine Vaudeville-Komödie des berühmten französischen Autorenduos Henri Meilhac und Ludovic Halévy diente. Das 1872 in Paris mit großem Erfolg uraufgeführte Stück wurde von den Librettisten Carl Haffner und Richard Genée bearbeitet. Mit der unsterblichen Operettenmusik des Walzerkönigs Johann Strauss (Sohn) kam die Fledermaus 1874 im Theater an der Wien heraus. Leicht verzögert durch den Börsenkrach 1873, der die Spekulationsblase der „Gründerzeit“ platzen ließ. Das neureiche Bürgertum tanzt indes weiter im schönen Baden bei Wien. Auf Österreichisch klingt „Boan“ fast wie Bonn, erklärt der notorisch besoffene Gefängniswärter Frosch, herrlich komisch verkörpert von Christoph Wagner-Trenkwitz, der am 20. Februar noch aus dem „Quarantäne-Kaschterl“ spitzzüngig den Wiener Opernball kommentierte. Und wo wir nun schon im Rheinland sind, ist Mitsingen erwünscht beim Karnevalshit „Da simmer dabei!“
Den Champagner als Grundnahrungsmittel scheint man im Hause Eisenstein vorsorglich gehamstert zu haben. Rosalinde versteckt ihren Lover Alfred jedenfalls in einem bestens gefüllten Kühlschrank. Der junge lyrische Tenor Kai Kluge, der in Bonn zuletzt als „Christus am Ölberge“ in Beethovens Oratorium gefeiert wurde, singt und spielt verführerisch den hoffnungsvollen Opernstar, an den Eisensteins Gattin ihr Herz verloren hat. Die beliebte Sopranistin Anna Princeva ist als Rosalinde ein sängerisches und komödiantisches Ereignis. Selbst wenn sie unten in der Küche wütend im dampfenden Suppentopf rührt (möglicherweise der Alarmauslöser), bleibt sie die elegante Dame. Als geheimnisvolle ungarische Gräfin blendet sie mit wachsendem Vergnügen ihren nicht sonderlich treuen Ehemann. Der Tenor Johannes Mertes gibt absolut formidabel den betrogenen Betrüger Eisenstein. Rosalindes Kammerzofe Adele (bezaubernd selbstbewusst: Marie Heeschen) genießt den gemopsten Schampus direkt aus der Flasche, um sich dann als hochtalentierte Nachwuchs-Sopranistin Olga ins schillernde Ballgeschehen zu mischen. Natürlich darf dabei auch Beethoven nicht fehlen. Verkleidet als größter Bonner Sohn greift Korrepetitor Igor Horvat zum Czardas beherzt in die Tasten eines vom Bühnenhimmel hängenden bemoosten Flügels.
Bühnenbildner Timo Dentler hat für den ersten Akt eine Art Setzkasten mit sechs Zimmern entworfen, in denen alle ihre Fäden spinnen und hoffen, dass ihre Lügen nicht auffliegen. Das bürgerliche Puppenstuben-Ambiente öffnet sich im zweiten Akt für die wilde Party des amüsierwilligen hochadeligen Ironikers Orlofsky. In dessen prunkvollen Gartensaal ranken von oben grüne Pflanzen, als ob die Natur sich den Raum bereits zurückerobert hätte. Das finanziell gebeutelte Bürgertum mit seiner Sehnsucht nach gesellschaftlichem Glanz: Hier darf es dem schönen Schein (inkl. reizenden kleinen Frivolitäten) huldigen, bis seine Wohnwaben sich im dritten Akt in Knastzellen verwandeln. In der eigentlich für Eisenstein reservierten (wegen Beamtenbeleidigung – im Rheinland wäre sowas mit ein paar Scheinchen erledigt) landet Alfred, was sein Arienreper­toire aber nicht schmälert.
Eingefädelt hat das Ganze Dr. Falke. Aus Rache, weil Eisenstein ihn einst nach einem Faschingsball sturzbetrunken im Fledermauskostüm hilflos auf der Straße sitzen ließ und dem Gespött der Gassenjungen und Marktweiber preisgab. Der Bariton Giorgos Kanaris gibt vortrefflich den souveränen Spielmacher im ‚tierischen‘ Gewimmel der Eitelkeiten. Deutlich nüchterner als Gefängnisdirektor Frank (wie immer großartig: der Bass Martin Tzonev), der sich als „Chevalier Chagrin“ ein irres französisches Wortgefecht mit dem als „Marquis Renard“ auftretenden Eisenstein geliefert hat. Wenig zur Wahrheitsfindung beitragen kann der köstlich stotternde Advokat Dr. Blind (Kieran Carrell). Muss auch nicht sein. ­„Glücklich ist, wer vergisst“, lautet das versöhnliche Schlussplädoyer. Eisenstein bekommt seine Taschenuhr samt Gattin zurück, Adele findet einen großzügigen Mäzen. Ansonsten war an allem seine Majestät der Champagner schuld. Lange Ovationen vom begeisterten Publikum für eine grandiose Vorstellung. E.E.-K.

Spieldauer ca. 3 Stunden, eine Pause

Donnerstag, 07.05.2020

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Letzte Aktualisierung: 19.10.2020 21:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn