Die Räuber - Schauspielhaus - kultur 164 - März 2020

Die Räuber
Foto: Thilo Beu
Die Räuber
Foto: Thilo Beu

von Simon Solberg nach Friedrich Schiller; Friedrich Schiller trifft Heavy Metal

Die Fackel des Prometheus erlischt bald auf der spärlich beleuchteten Bühne. Schwarze Quader werden im fahlen Halbdunkel hin und her geschoben, markieren Mauern, Wald, Räuberlager und Särge. Einmal droht eine umstürzende Wand den rebellischen Karl fast zu erdrücken. Sein Aufstand gegen die Feudalherrschaft und die väterliche Autorität wird eine Menge Leichen hinterlassen. Am Anfang hockt das ganze Ensemble zusammengekauert auf einem niedrigen Podest im Vordergrund und spricht Sätze aus dem wütenden ersten Monolog des Franz, der sich zurückgesetzt fühlt von der Natur („Warum musste sie mir diese Bürde von Hässlichkeit aufladen?“) und von dem Vater, der stets seinen erstgeborenen Bruder Karl bevorzugte. Der Chor erscheint wie eine Gespenstergruppe von lebenden Leichen, die aus dem späten 18. ins 21. Jahrhundert katapultiert wurden.
Der Anfang 1782 in Mannheim uraufgeführte Dramenerstling Die Räuber des 22-jährigen Friedrich Schiller war ein Theaterskandal und machte den Autor schlagartig berühmt. Simon Solberg (Regie und Bühne) hat den Text radikal zusammengestrichen, umgestellt, mit einigen Fremdtexten versehen und das Sturm-und-Drang-Pathos auf die heutige Protestgeneration „How Dare You“ übertragen. Der Widerstand gegen die Alten ist freilich schwerer geworden. Wilhelm Eilers wirkt erstaunlich jung, wenn er als alter Graf Moor mit wehendem Mantel auf hohem Podest wettert gegen das „schlappe Kastratenjahrhundert“ und die „abgeschmackten Konventionen“ und dabei die Räuberbande wie eine Horde von Schulkindern abfertigt. Das ist eigentlich Karls Text, sogar dessen verbalen Furor hat der Patriarch usurpiert. Was können die Jungen noch tun, wenn ihre Eltern alle Revolten schon durchdekliniert haben? Mitunter wirken sie wie zappelnde Marionetten, die von unsichtbaren Fäden zum Abgrund gezogen werden.
Der Generationenkonflikt tritt in Solbergs Fassung in den Hintergrund, ebenso wie der Bruderzwist. Die Konstellation verschiebt sich durch die weibliche Besetzung des Franz. Annika Schilling spielt großartig die vom Vater kaum beachtete Tochter, die sich nach seiner Liebe und Anerkennung sehnt, deshalb gegen ihren Bruder intrigiert und sich skrupellos die Macht ertrotzt, um ihre Benachteiligung zu rächen. Sie ist nicht die heimtückische „Kanaille“ sondern verwandelt ihre Liebesdefizite in rabiaten Nihilismus. Die erotische Komponente in der Beziehung zu Amalia wird reduziert, aber zu einer grundsätzlichen Gegnerschaft hochgestuft. Die exzellente Annina Euling als Karls selbstbewusste Geliebte verweigert sich cool und konsequent auch der rabiaten feministischen Ver­schwes­terung.
Daniel Stock gibt mit ungeheurer Energie den wütenden Idealisten Karl, der mit seiner Familie nichts mehr zu tun haben will, die alten Gesetze verachtet, mit Gewalt Gerechtigkeit und Freiheit schaffen möchte und wie ein Robin Hood den Reichtum umverteilen. Ein sensibler Anarchist, dessen emphatisch behaupteter republikanischer Eifer in blankem Terror mündet. In der extrem physischen Inszenierung ist dieser Mann eine personifizierte Explosion zwischen Hells Angels und Extinction Rebellion. Schwarz ist die Grundfarbe der ab und zu mit viel Theaternebel bewölkten oder mit grellen Scheinwerfern beleuchteten Bühne. Martialisches Schwarz und viele Tattoos auf der Haut tragen auch die Akteure (Kostüme: Sophie Peters), denen die aus der Hip-Hop-Szene stammenden Choreografen Takao Baba und Solomon Quaindo rasante Bewegungen auf den Leib geschrieben haben.
Die Musik wird oft laut wie bei einem Rockkonzert. Brachialer Rammstein-Sound trifft auf Songs von The Prodigy und des soeben mit vier Grammys ausgezeichneten Jungstars Billie Eilish. Als auf Krawall gebürs­teter Spiegelberg glänzt Gustav Schmidt mit virtuosen Breakdance-Einlagen und rappt den brutalen Überfall auf ein Nonnenkloster im ­Gangsta-Stil, inkl. der misogynen Tendenzen des Genres. Timo Kählert spielt überzeugend sowohl Franz‘ willfährigen Diener Hermann als auch Karls Freund Roller und kracht dabei mitunter gefährlich zu Boden. ­Christian Czeremnych erzählt als Karls treuer Kumpan Schweizer die Geschichte von Rollers Befreiung, bei der ein ganzes Dorf in Flammen aufging und Kinder, Greise und schwangere Frauen brutal ermordet wurden, als irren Gewaltrausch. Zur wilden Räuber-Clique zählen auch zwei Frauen: Magali Vogel (Schwarz) und Larissa Ruppert (Grimm), beide Schauspiel-Absolventinnen der Alanus-Hochschule, die sich mit finsterer Entschlossenheit perfekt im testosterondominierten Räuber-Handwerk behaupten. Wenn Karl und Amalia am Ende davon träumen, unseren Kindern Freiheit zu schenken, bleibt zumindest eine kleine optimistische Vision nach der lärmenden Höllenfahrt in Schrecken und Zerstörung.
Der hohe Unterhaltungswert des Spektakels entschädigt für manche Plattheiten und sattsam vertrauten Regietheater-Konventionen. Die Vorstellung ist nicht für Schiller-Experten konzipiert, sondern für heutige Jugendliche. Sie will nicht die Lektüre des Originals ersetzen. Es geht um das verbreitete Gefühl der Perspektivlosigkeit und Ohnmacht gegenüber Autoritäten und Institutionen, das dem Populismus jeder Couleur Vorschub leistet. Die mit starkem Premierenbeifall belohnte Aufführung rockt resolut den Zorn des jungen Schiller. E.E.-K.

Empfehlenswert besonders für Oberstufenschüler*innen und Studierende.

Spieldauer ca. 100 Minuten, keine Pause

Donnerstag, 30.04.2020

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Letzte Aktualisierung: 19.10.2020 21:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn