"Ein Brief" und "Christus am Ölberge" - Oper Bonn - kultur 164 - März 2020

Ein Brief
Foto: Thilo Beu
Ein Brief
Foto: Thilo Beu

von Manfred Trojahn und Ludwig van Beethoven; Szenen tiefer Verzweiflung

Es ist ein Brief, der nie abgeschickt wurde. Der 31-jährige Beethoven schrieb ihn im Oktober 1802 an seine Brüder, verzweifelt über seine zunehmende Taubheit: „es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie, die Kunst, hielt mich zurück …“. Das sogenannte „Heiligenstädter Testament“ bildet eine geistige Klammer zwischen seinem einzigen Oratorium Christus am Ölberge und Hugo von Hofmannsthals fast genau 100 Jahre später erschienenen Chandos-Brief. Der fiktive Dichter Lord Chandos schreibt ihn angeblich im Jahr 1603 an seinen Mentor, den Philosophen und Naturwissenschaftler Francis Bacon. Es ist das Dokument einer Sprachkrise: „Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ Hier der sprachlose junge Dichter, dort der gehörlose Komponist, beide schmerzhaft isoliert von der Gesellschaft.
Beethovens knapp einstündiges Oratorium entstand in wenigen Wochen und wurde in der Karwoche 1803 am ­Theater an der Wien uraufgeführt, wo er kurz zuvor eine Anstellung als Hauskomponist erhalten hatte. Das Theater Bonn beauftragte den international renommierten deutschen Komponis­ten Manfred Trojahn, dazu einen Prolog zu verfassen. Seine rund 40-minütige „reflexive Szene“, erlebte nun hier ihre Welturaufführung. Die Musik zu Hofmannsthals Chandos-Brief, von Klaus Bertisch für die Komposition eingerichtet, ist weitgehend kammermusikalisch angelegt, auch wenn das Beethoven Orchester unter der sensiblen Leitung von Generalmusikdirektor Dirk Kaftan sich mitunter heftig einmischt. Ein exzellentes Streichquartett aus den Stimmführern des Orchesters trägt den Gesang des Baritons Holger Falk, der auch scheinbar mühelos in tenorale Höhen reicht. Anfangs sitzt er wie Rodins Denker hinter dem transparenten Vorhang, auf den eine Passage aus dem Brief projiziert wird. Als einziges Mobiliar liegt ein riesiges Buch mit purpurnem Lesebändchen im ansonsten leeren Raum. Von der Seite des grauen, hohen Wandovals wehen rote Herbstblätter herein. Das Buch lässt sich aufklappen wie ein überdimensionaler Laptop. Auf dem Bildschirm und den Wänden erscheinen Fragmente von üppigen barocken und manieristischen Gemälden (Video: Frederik Werth), wenn es im Text um die naive sinnliche Lust geht.
Falk präsentiert die spätexpressionistischen Sprachkaskaden ohne gestisches Pathos und jedes Wort absolut verständlich. Das Künstlerwams legt sein Chandos bald ab, mit der wachsenden Verwirrung erscheint seine Kleidung zunehmend derangiert. Selbst wer Hofmannsthals berühmten Text gut kennt (im Programmheft nachzulesen), wird in diesem immer weiter zur puren Rezitation fortschreitenden Melodram durch die vielschichtigen Klänge neue Aspekte entdecken. Hofmannsthal ist freilich nicht Chandos und verstummte bekanntlich nicht, sondern begann schon bald seine legendäre Zusammenarbeit mit Richard Strauß.
Auf den beeindruckenden, einsamen Monolog folgt das Drama des Gottes- und Menschensohns Jesus, der im Garten Gethsemane am Fuß des Ölbergs seine Festnahme erwartet. Reinhild Hoffmann (Inszenierung, Bühne und Choreografie), eine der Legenden des deutschen Tanztheaters, hält sich im ersten Teil sehr zurück, setzt im zweiten Teil aber starke ästhetische Akzente. Im Zentrum liegt wieder ein großes Buch (diesmal mit Goldschnitt), das später von Tänzern aufgerichtet und geöffnet wird. Jesus fürchtet sich vor den bevorstehenden Leiden und dem qualvollen Tod am Kreuz. Der junge Tenor Kai Kluge im langen weißen Gewand singt diese anspruchsvolle Partie mit ihrem lyrischen Grundton und ihren dramatischen Ausbrüchen ins Heldenfach mit geschmeidiger Stimme ungemein berührend. Er ist ganz Mensch, nimmt aber sein Opfer zum Heil der Menschheit an.
Aus den aufgeblätterten Seiten der Heiligen Schrift erscheint der Seraph im leuchtend blauen Samtkleid. Die belgische Sopranistin Ilse Eerens singt den Engel mit fast überirdisch schöner Stimme. Im Duett mit Jesus „Groß sind die Qual, die Angst, die Schrecken, die Gottes Hand auf mich ergießt. Doch größer noch sind meine/seine Liebe, mit der mein/sein Herz die Welt umschließt“, wird der christliche Erlösungsgedanke zum musikalischen Ereignis. Der junge südkoreanische Bass Seokhoon Moon ganz in Schwarz überzeugt in der kleinen Rolle des zornigen Petrus, der seinen Herrn vor den Soldaten retten will.
Die international gefragte Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer setzt Farben nur sparsam, aber wirkungsvoll ein. In japanisch anmutende silbergraue, geschlechtsneutrale Gewänder gekleidet sind die zehn fertig ausgebildeten jungen Tänzerinnen und Tänzer des Folkwang-Tanzstudios, die mal aufgeregt, mal sanft durch die Szenerie flattern. Ein eindrucksvolles Bild liefern sie, wenn ihre Körper ein lebendes Podest formen, auf dem der von Tänzerinnen geleitete Seraph die Arie „Preist des Erlösers Güte“ singt. Mit metallisch glänzenden Brustharnischen und stilisierten Lanzen umzingeln die Soldaten Jesus bei seiner Gefangennahme. Silbergrau eingefärbte Alltagskleidung tragen Chor und Extrachor (hervorragend einstudiert von Marco Medved), die wunderbar bewegt agieren bis zum eher verhalten triumphierend angestimmten Jubelchor am Schluss. Zuvor ist Holger Falk noch einmal hervorgetreten, um Passagen aus Beethovens Heiligenstädter Testament zu zitieren.
Man kann sich streiten, warum Christus am Ölberge (der Text stammt von dem Wiener Literaten Franz Xaver Huber) so selten in den Konzertsälen erscheint. Ob das in Beethovens Schaffen relativ frühe Werk (die hohe Opuszahl 85 verdankt es der späten Drucklegung) in die Vergangenheit zurückweist oder die von Bach, Händel und Haydn überlieferte Gattung Oratorium revolutionierte. Man kann sich auch streiten, ob Beethoven sich, wie manche Biografen meinen, mit dem sehr menschlichen Gottessohn Christus identifizierte und in seiner Kunst die Rettung für sich und die Welt sah.
Ganz sicher ist der Oper Bonn und insbesondere dem Dirigenten Dirk Kaftan mit dem ebenso überraschenden wie einleuchtenden Sprung über die Jahrhunderte ein großer Wurf gelungen. Gedanklich anspruchsvoll, aber unbedingt lohnend. Begeisterter Beifall aus dem bei der Premiere fast ausverkauften Haus. E.E.-K.

Die Produktion wurde u. a. unterstützt von der BTHVN-Jubiläumsgesellschaft und von Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet. Am 29. Februar gastiert die Aufführung konzertant am Theater an der Wien.
Spieldauer ca. 2 Stunden inkl. einer Pause

Donnerstag, 30.04.2020

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Letzte Aktualisierung: 19.10.2020 21:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn