Infinito Nero - Werkstatt - kultur 160 - November 2019

Infinito Nero
Foto: Thilo Beu
Infinito Nero
Foto: Thilo Beu

Geheimnisse einer Mystikerin

Eine „Ekstase“ nannte der italienische Komponist Salvatore Sciarrino seine einaktige Oper, die im Rahmen des Beethovenfestes 2019 in der Werkstatt zu erleben war. Sciarrino (*1947 in Palermo) gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Musiktheater-Schaffenden. Schon 2008 widmeten die Salzburger Festspiele dem „Kontinent Sciarrino“ einen Schwerpunkt. Der Kern seiner musikalischen Welt ist die Stille, das konzentrierte In-Sich-Hineinhören. Genau dort setzte der Bonner Regisseur Mark Daniel Hirsch an, der Sciarrino aus langjähriger Zusammenarbeit kennt, bei seiner Inszenierung des 1998 bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik uraufgeführten, knapp halbstündigen Stückes für Mezzosopran und acht Instrumente.
In der Werkstatt ist der erste Teil von Das unendliche Schwarz eine Übung im aufmerksamen Hören. Ausgestattet mit Augenmasken nimmt das Publikum ohne visuelle Ablenkungen nur die Geräusche und Klänge wahr: durch die Instrumente evoziertes Atmen, Herzklopfen, unüberhörbares Schweigen und eine ekstatisch sich überschlagende Stimme. Nach der Pause folgt als musikalische Wiederholung die szenische Version der Visionen der florentinischen Karmeliternonne Maria Maddalena de‘ Pazzi (1566 – 1607). Ihre Mitschwestern hielten fest, was sie in mystischer Trance artikulierte. Es ist wie eine durch ihren Körper laufende materialisierte Sprache. Dafür haben Hirsch und seine Ausstatterin Maria Strauch eine faszinierende Visualisierung entwickelt. Aus einem von innen beleuchteten großen schwarzen Kreiszylinder werden die Wörter in den Raum projiziert, der selbst in Bewegung zu geraten scheint. Was sich der Rationalisierung entzieht, wird so – quasi am eigenen Leib – eindrucksvoll erfahrbar.
Wenn sich der Bühnennebel lichtet, sitzt die junge Maria Maddalena (Helena Baur) mit einem Buch auf dem Schoß und einem Kreuz in der hochgereckten Hand am Bühnenrand im Scheinwerferlicht, als sei sie vom Heiligen Geist getroffen. Später wandert auch ein halbnackter Christus („das fleischgewordene Wort“, verkörpert von dem Tänzer ­Keisuke Mihara) durch die Szenerie. Die Heilige trägt selbst die Wundmale des Gekreuzigten. Die fabelhafte Bonner Mezzosopranistin ­Dshamilja Kaiser singt und spielt grandios die Auserwählte, die in ihren zeitweise mit wahnsinnigem Tempo gestammelten Satzfragmenten und irrlichternden Stimm-Sprüngen das Unbegreifliche imaginiert.
Die exzellenten Musiker des Beethoven Orchesters (in Nonnenkostümen: drei Bläser, vier Streicher und Perkussion) bleiben im Hintergrund; auch der Dirigent Hermes Helfricht agiert im Verborgenen und ist nur über Monitore zu sehen. Dennoch gelang es der Aufführung, das Eintauchen in eine vorbewusste, spirituelle Welt ungemein sinnlich zu vermitteln. Der begeisterte Beifall signalisierte: Es wäre schön, wenn die Produktion nach den drei Vorstellungen beim Beethovenfest weiter auf dem Spielplan bliebe. E.E.-K.

Mittwoch, 01.01.2020

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