Der Rosenkavalier - Oper Bonn - kultur 160 - November 2019

Der Rosenkavalier
Foto: Thilo Beu
Der Rosenkavalier
Foto: Thilo Beu

Im Spiegelkabinett der Gefühle

Die Liebesnacht muss stürmisch gewesen sein. Die Marschallin Fürstin Werdenbach hat ihren fern der Heimat auf einem Jagdausflug weilenden Gatten keineswegs vermisst angesichts der Zärtlichkeiten des jungen Octavian. Hinter dem Bett zeigt die Tapete üppig erblühte Rosen. Nur wenn man genau hinschaut, erkennt man die kleinen Vanitas-Signale, die der Schönheit einen Beigeschmack von Vergänglichkeit verleihen. Der international renommierte Bühnenbildner Johannes Leiacker hat aus drehbaren Wandelementen einen Raum entwickelt, in dem halbblinde Spiegel sich mit barocken Stillleben-Zitaten abwechseln. Im dritten Akt droht ein Totenkopf.
Richard Strauss‘ „Komödie für Musik“ spielt in Wien um 1740, kurz nach dem Regierungsantritt Maria Theresias. Der Regisseur Josef Ernst Köpplinger, seit etlichen Jahren Intendant des Münchner Theaters am Gärtnerplatz, verlegt in seiner ersten Bonner Arbeit die Handlung in die Entstehungszeit des 1911 uraufgeführten Rosenkavaliers. Die eleganten Jugendstil-Kostüme von Dagmar Morell evozieren die Epoche zwischen Jahrhundertwende-Retromode und neuer Freiheit, eine kurze Phase, in der Welt noch in Ordnung schien vor der katastrophalen Explosion 1914. Unendlich viel wurde gesagt und geschrieben über die Kehrtwende des Komponisten und seines Librettisten Hugo von Hofmannsthal von der radikal modernen Elektra zu einem leicht frivolen Pseudo-Rokoko. Generalmusikdirektor Dirk Kaftan am Pult des fabelhaft transparent spielenden Beethoven Orchesters straft alle Rück­schritts-Vorwürfe Lügen. Die Musik schillert boshaft brillant über gefährlichen Abgründen, zerbricht mit bitterer Ironie alle Walzerseligkeit und kommentiert einfach genial den poetisch subtilen Text. Die neue Übertitelungsanlage funktioniert übrigens mittlerweile gut lesbar (für die internationalen Besucher*­innen sogar auf Englisch). Denn Hofmannsthals Drama ist ein sprachliches und psychologisches Meisterwerk, dessen Lektüre mehr als einen Blick wert ist.
Viel Mut hat die Bonner Oper bewiesen, indem sie gleich drei jungen Sängerinnen große Rollendebüts anvertraute. Martina Welschenbach verkörpert stimmlich und spielerisch souverän die noble Marschallin. Eine Mittdreißigerin, die genau weiß, dass ihr aktueller Liebhaber nicht der erste oder letzte Seitensprung war. Absolut großartig ist ihr einsames Solo über das sonderbare Wesen der Zeit am Ende des ersten Aktes. Aber auf einmal spürt man sie wie eine lautlose Sanduhr, der Friseur wird zum Handlanger des Alterns und alle trüben Spiegel zeigen die Endlichkeit des Lebens. Da hilft auch keine als Morgengabe präsentierte italienische Bravourarie. Der Tenor George Oniani macht aus dem undankbaren kurzen Auftritt ein Glanzstück, obwohl die Dienerschaft beim klassischen Lever der Marschallin schon alle Hände voll zu tun hat mit einem Tierhändler, drei um finanzielle Unterstützung flehenden adeligen Waisen und sonstigem Gesindel. Heutzutage politisch völlig unkorrekt beschäftigt die Dame sogar einen kleinen „Neger“ zum Servieren der Frühstücks-Schokolade.
Der 17-jährige hochadelige Graf Octavian (zärtlich „Quinquin“ genannt und neben Mozarts Cherubino in Strauss‘ großem Vorbild Die Hochzeit des Figaro die schönste Hosenrolle der Opernwelt) ist voll entflammt für die Marschallin. Die schwedische Mezzosopranistin Emma Sventelius (eine Frau, die einen Mann spielt, der sich notfalls als Mädchen ausgibt – spielerische Geschlechterwechsel gehörten von Anfang an zur Theatergeschichte) ist nicht nur eine rollenspezifisch androgyne Sympathieträgerin, sondern auch sängerisch und darstellerisch ein Ereignis. Das Bonner Ensemble-Mitglied Louise Kemény singt bezaubernd die junge Sophie.
Für Wiener Schäh sorgt Franz Hawlata als Baron Ochs auf Lerchenau. Eine Partie, mit der er geradezu verwachsen ist: Über 600 Mal hat er sie schon überall in der Welt verkörpert und macht aus dem alten Schwerenöter auch hier wieder ein schauspielerisches Vergnügen.
Im zweiten Akt tobt sein ungehobeltes Gefolge in übelster Manier durch den feinen Salon des frisch geadelten Herrn von Faninal (mit noblem Bariton: Giorgos Kanaris). Es war nur eine Laune der Marschallin, ihrem Vetter Ochs ausgerechnet Octavian als Brautwerber anzubieten. Das zu Erwartende geschieht prompt: Der junge Rosenkavalier, angetan mit silbernem Frack, überreicht Sophie die traditionelle silberne Rose und verliebt sich auf der Stelle in das Mädchen. Sophie ist entsetzt über den Grobian Ochs, den sie auf väterliches Geheiß ehelichen soll. Da kann auch ihre mütterliche Anstandsdame Jungfer Leitmetzerin (mit Yannick-Muriel Noah stimmlich geradezu luxuriös besetzt) nicht mehr helfen.
Also muss eine wienerische Maskerade her. Auch die anderen Partien sind hochkarätig besetzt: Johannes Mertes (Valzacchi) und Anjara I. Bartz (Annina) überzeugen als komisches Intrigantenpaar, Martin Tzonev gibt den Polizeikommissar, der in dem anrüchigen Vorstadtlokal schließlich wieder für Ordnung sorgt. Großartig agiert der Chor unter der Leitung von Marco Medved, der Kinderchor, einstudiert von Ekaterina Klewitz, hat einen kleinen, aber sehr wirkungsvollen Auftritt mit seinem „Papa“-Geschrei, das den alten Baron am Ende klein beigeben lässt.
Leicht wollte die Marschallin es ihrem jungen Verehrer machen, der sie heut‘ oder morgen ohnehin verlassen würde. Sie hält ihr Versprechen, auch wenn es schmerzt. Das Schlussterzett der drei weiblichen Stimmen ist ein letzter emotionaler Höhepunkt in diesem musikalisch ungemein vielschichtigen Werk. Regisseur Köpplinger und seinem Dramaturgen Christoph Wagner-Trenkwitz ist es gelungen, jede der vielen Figuren individuell zu gestalten und feinste Nuancen des Geschehens herauszuarbeiten. Die in Bonn mit einhelliger Begeisterung aufgenommene Inszenierung ist eine Kooperation mit der Volksoper Wien, wo die Produktion ab 2022 zu erleben ist.
Zum beglückten, langen Premierenbeifall holte Kaftan zu Recht das ganze exzellente Beethoven Orchester als echten Akteur des Abends mit auf die Bühne. E.E.-K.

Spieldauer ca. 4 Stunden inkl. zwei Pausen

Mittwoch, 01.01.2020

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Letzte Aktualisierung: 19.10.2020 21:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn