Die Konferenz der Vögel - Theater Marabu - kultur 159 - Oktober 2019

Die Konferenz der Vögel
Foto: Ursula Kaufmann
Die Konferenz der Vögel
Foto: Ursula Kaufmann

Reise zu sich selbst

Alle Vögel sind schon da. Nein, es geht nicht um das beliebte deutsche Frühlingslied. Die Vögel sind zusammengekommen, weil sie besorgt sind über den Zustand der Welt. Vom Insektensterben bis zur Erderwärmung, von der Plastikschwemme in den Ozeanen bis zu brennenden Regenwäldern, von bedrohlichen populistischen Strömungen bis zu politischer Ignoranz – die Liste der Bedrohungen ist lang. Soll man sich ins eigene Nest zurückziehen und an TINA glauben? Das hat übrigens nichts zu tun mit Tina Jücker und Claus Overkamp vom Theater Marabu, die zusammen mit dem Jungen Ensemble Marabu (JEM) das neue Stück Die Konferenz der ­Vögel entwickelt haben. Es ist die 20. JEM-Produktion; mehrere der jungen Erwachsenen des Darsteller-Teams bringen schon reichlich Bühnenerfahrung mit.
„T.I.N.A“ meint „There Is No Alternative”, und dagegen setzen sie beherzt ihr „T.A.T.A“, „There Are Thousands of Alternatives“. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ – natürlich klingen auch hier die „Fridays for Future“ an. Das Handlungsgerüst bildet indes die Fabel Die Konferenz der Vögel des persischen Dichters Farid ud-Din Attar aus dem 12. Jahrhundert. Ein ­Meisterwerk der Weltliteratur, das nicht nur in Goethes West-östlichem Divan Spuren hinterließ. Genannt sei hier nur der weltberühmte Regisseur Peter Brook, der 1979 das Festival in Avignon mit einer Inszenierung der poetisch-philosophischen „Vogelgespräche“ eröffnete.
Der Wiedehopf regt an, den weisen Vogelkönig Simurgh um Rat zu fragen, wie die Welt zu retten sei. Es gibt viele Einwände: Man lebe doch schon vegetarisch, müsse erst sein eigenes Leben in Ordnung bringen, sein Studium beenden usw. Aber alle Vögel machen sich schließlich gemeinsam auf die große Reise über die sieben Täler voller Zweifel und Ängste. Die zehn jungen Darsteller in individuell gestalteten schwarz-weiß-grauen Kostümen (Regina Rösing) imitieren keine realen Vögel. Aber in manchen der fabelhaft choreografierten Szenen scheinen sie doch fliegen zu können. Zu der Friedenshymne „Imagine“ zeigen sie hochkonzentriert Pappschilder mit Textfragmenten, bis ein Schuss die Demonstration jäh beendet. John Lennon, ermordet wie so viele politische Hoffnungsträger. Maskiert mit Fotos der heutigen Gefährder von Freiheit und Demokratie von Gauland bis Trump rücken sie dem Publikum nahe.
Faszinierende Videoprojektionen von Vogelschwärmen illustrieren die Vorstellung von einer Bewegung ohne Lufthoheit, bei der ­Intuition und Vertrauen die Macht ersetzen. Utopien sind freilich unerreichbar, und Schwarmintelligenz birgt bekanntlich zahlreiche Risiken. In der Erzählung erreichen nur 30 Vögel schließlich ihr Ziel. Nach der vorletzten Station „Tal des Staunens“, was die weltberühmte Bonner Orientalistin Annemarie Schimmel eher skeptisch mit „Tal der Verwirrungen“ übersetzte. Es gibt keine einfachen Lösungen, aber ohne Mut zum Anfang gar keine Veränderung. Der Herrscher sind wir selbst, denn ­
„Si Murgh“ bedeutet „30 Vögel“. Die Spieler/innen Luisa Becher, Melina Delpho, Kai Gerschlauer, Leander Kessel, Heike Kubotsch, Nele Marggraf, Sonja Nellinger, Alexander Preis, Sophia Reifenrath und Niklas Schnell haben die alte mystische Parabel sehr berührend neu befragt. Die überraschende theatrale Antwort ist sehr körperlich: Sich fallen lassen mit der Sicherheit, dass man von Freunden aufgefangen wird. Mit ein paar zwitschernden, gefiederten Träumern, die nach einer langen Reise bei sich selbst ankamen, hat es begonnen. Das begeisterte Publikum bei der ausverkauften Premiere applaudierte stehend und machte auch deutlich: „Wir sind viele“ für Diversität und gegen die gedankenlose Zerstörung unseres Planeten.
Empfohlen für Publikum ab 14 Jahren. E.E.-K.

Spieldauer ca. 1 Stunde, keine Pause
Die nächsten Vorstellungen:
9.10. // 10.10. //7.11. // 8.11.19

Donnerstag, 10.10.2019

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