Die Niere - Contra-Kreis-Theater - kultur 155 - April 2019

Die Niere
Foto: Contra-Kreis-Theater
Die Niere
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Höchst amüsante Prüfung auf Herz und Nieren

Architekt Arnold schwebt im siebten Himmel. Gewonnen: Sein Diamond-Tower soll gebaut werden. 26 Stockwerke hoch, mitten in Paris. Zu Chuck Berrys Johnny B. Goode tänzelt Rudolf Kowalski (einst Mitglied des städtischen Schauspiel-Ensembles, dort vielen Älteren unvergesslich u. a. in Büchners Danton und sehr beliebt als Kommissar Stolberg in der gleichnamigen ZDF-Krimiserie) triumphierend auf die Bühne, halb besoffen vom ultimativen Erfolg. Ein Best-Ager auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Und dann das: Eine ganz normale Routine-Untersuchung hat ergeben, dass seine Frau Kathrin dringend eine neue Niere braucht. Eva Scheurer teilt ihrem Gatten (die beiden Schauspieler sind auch im wirklichen Leben verheiratet) die schlimme Nachricht erstaunlich gefasst mit. Das Gute ist ja: Er hat dieselbe Blutgruppe, und eine Organspende könnte ihr Leben retten. Aber muss das wirklich sein? Gerade jetzt, mit all den medizinischen Risiken und Nebenwirkungen? Baumeister Arnold windet sich, argumentiert, palavert („Ich hab immer noch nicht ‚nein‘ gesagt“) und sucht nach Ausflüchten.
Das aktuelle Thema „Organspende“ ist freilich nur der Anlass für eine brillante Beziehungskomödie mit überraschenden Wendungen. Seit der Uraufführung im April 2018 am mittlerweile abgerissenen Berliner ­Theater am Kurfürstendamm ist Die Niere auf vielen deutschen Bühnen präsent. Der österreichische Autor Stefan Vögel hat am Contra-Kreis schon mehrfach Erfolge gefeiert; sein Stück Achtung Deutsch! wurde in der Bonner Inszenierung bei den Hamburger Privattheatertagen 2014 als beste Komödienproduktion ausgezeichnet. Preiswürdig ist nun gewiss auch Die Niere in der exzellenten Regie des momentan hierzulande geradezu ubiquitären Lajos Wenzel.
In der schicken Designer-Wohnung mit Blick auf eine Metropolen-­Skyline und aktuellem „Bauhaus“-Plakat an der Wand (Bühnenbild: Tom Grasshof) führen der eitle Architektur-Star Arnold und ‚seine‘ Kathrin eine perfekte Ehe. In das Spiel der großartigen Eva Scheurer mischt sich freilich gleich zu Beginn ein feiner Hauch von charmanter Ironie. Erst mal wird jedoch groß gefeiert mit dem befreundeten Paar Götz und Diana. Marko Pustišek gibt den souveränen Menschenversteher, der Kathrin selbstverständlich eine Niere überlassen würde und bei Turmbauern eine Phallus-Fixierung diagnostiziert. Was zu einem verbalen Hahnenkampf führt, bei dem alle Federn lassen müssen. Als Götz‘ jüngere Lebensgefährtin Diana (blond, langbeinig und wie das ganze Quartett mit raffinierten Outfits versorgt von Kostümbildnerin Anja Saafan) glänzt Tina Seydel. Die attraktive Business-Lady kümmert sich halt auf Kongressen ggf. auch um einen reizenden Typen aus Arnolds Kreativ-Team.
Nach einem plötzlichen Schock vor der Pause ist der Gockel nur noch ein Häufchen Elend mit Pantoffeln, Albträumen und tief verletztem Ego. Fast schon „Knockin‘ on Heaven’s Door“. Aber auch Götz muss eine bittere Pille ­schlucken. Ein Mann, ein Wort, ein Scotch und ein alpiner Ausrutscher ergeben zwar nicht gleich eine Lawine im Dasein jenseits der Midlife-Crisis. Im Raum stehen bleibt gleichwohl die sensible Frage: Was würdest du tun, wenn es um die Rettung des Lebens deiner Liebsten geht? Eine endgültige Antwort gibt es in dieser spannenden Komödie nicht. Aber zwei Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs, zwei echt coole Frauen (ein bisschen Gemeinheit muss sein) und ein Happy End für eine spöttische Herzensdame mit zwei wahrscheinlich kerngesunden Nieren.
Das ist mehr als bloß gute Unterhaltung, sondern pures Theaterglück mit einer Rollenbesetzung, die aus jedem Satz schlaue Denk-Funken schlägt. Verdienter großer Premierenbeifall für eine der besten Produktionen der laufenden Saison! E.E.-K.

Spieldauer ca. 1 ¾ Stunden inkl. Pause

Donnerstag, 08.08.2019

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