Herbstrasen - Theater Die Pathologie - kultur 153 - Februar 2019

Herbstrasen
Foto: Theater Die Pathologie
Herbstrasen
Foto: Theater Die Pathologie

Berührendes Generationen-Drama

Alexandra weiß genau, dass ihre Zeit unwiderruflich zu Ende geht und dass die gegenwärtigen Entwicklungen sie längst überholt haben. Die alte Dame hat sich in ihrem Haus in Brooklyn verbarrikadiert. Mit einem kleinen Vorrat an Lebensmitteln und einer Sammlung von brennbaren Flüssigkeiten (Negativ-­Entwickler aus der historischen Epoche der Analog-Fotografie) und dem alten Zippo-Feuerzeug ihres verstorbenen Mannes. Sie will unter keinen Umständen weg aus ihrer vertrauten Umgebung. Sie liebt ‚ihren‘ Baum vor dem Fenster. Ihre beiden erwachsenen Kinder möchten, dass sie in ein Heim für betreutes Wohnen umzieht; sie wird bis zum Letzten um ihre Selbstbestimmtheit kämpfen. Sollte die Polizei auftauchen, weiß sie, was zu tun ist. Ihrem jüngsten Sohn Chris gelingt es schließlich, auf den Baum zu klettern und durch ein Fenster zu ihr vorzudringen.
Herbstrasen (The Velocity of Autumn) des in Schottland geborenen, höchst produktiven US-amerikanischen Dramatikers Eric Coble wurde 2014 mit großem Erfolg am Broadway uraufgeführt. Die bekannte Schauspielerin Estelle Parsons erhielt für ihre Darstellung der Alexandra einen Tony Award. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 2017 am Aachener Grenzlandtheater statt. Es ist ein typisches „Well-made-Play“, dramaturgisch handwerklich perfekt gebaut, sprachlich auch in der deutschen Übersetzung mit frechen Bonmots gespickt und vor allem ein intelligenter Kommentar zur alternden Gesellschaft in den privilegierten Gebieten unseres Globus.
In der intimen Atmosphäre des kleinen Kellertheaters Die Pathologie erlebt man den sensiblen Mutter-Sohn-Dialog quasi hautnah. Maren Pfeiffers Inszenierung setzt auf die unspektakulären Brüche in einer verletzlichen Beziehung, die rund zwanzig Jahre lang eingefroren war. Im sparsam möblierten schwarzen Bühnenraum reichen dafür ein lederner roter Drehsessel, ein paar Requisiten, weiße Bilder an den Wänden und ein großer Plakataufsteller, auf dem kurz einmal als Projektion das herbstlich entlaubte Baumskelett auftaucht.
Alexandra war eine erfolgreiche Künstlerin, nun sind ihr ihre eigenen Gemälde fremd geworden. Helga Bakowski verkörpert großartig die einsame Intellektuelle, die neben der Familie immer ihr eigenes Leben haben wollte und spürt, wie es ihr unaufhaltsam abhandenkommt. Geradezu beklemmend genau spielt sie die häufiger werdenden Momente, in denen ihr die Gesichtszüge zu entgleiten scheinen, die Wörter im Mund zerfallen und Bewegungen mühsam rekonstruiert werden müssen. Sie behauptet energisch ihre Metropolen-Arroganz und weiß doch, wie es ist, wenn der Weg zum nächsten Supermarkt nicht nur physisch schwierig wird, sondern auch völlig desorientiert endet.
Mike Weber spielt ebenso intensiv den verlorenen Sohn Chris, der als Künstler scheiterte und sich in der fernen Provinz irgendwie durchschlägt. Zudem schwul, was in diesem bildungsbürgerlichen Milieu selbstverständlich toleriert wurde. „Dein Vater hat’s halt nur nicht gemocht wie beispielsweise Gorgonzola“ – solch ein Satz tut weh und zeigt die emotionale Kälte der alten Familiengeschichte. Chris‘ dramatische Schilderung eines Unfalls (inkl. echten Schauspielertränen), an dem er gar nicht beteiligt war, kippt die Situation. Er will nicht mehr der ‚überflüssige Mensch‘ sein und – trotz der enervierenden Handy-Anrufe seiner arrivierten ­Geschwis­ter – mit seiner Mutter lieber ein feuriges Ende suchen. Die hat indes begriffen, dass es Zeit ist, den wirklichen Baum vor ihrem Haus zu treffen und ihm Lebewohl zu sagen. Der von Mike Weber selbst ­getex­tete und komponierte Song „Lean on me“ ist eine unsentimental-zärtliche Hommage an die Anlehnungsbedürftigkeit und -möglichkeit von Menschen, die gemeinsam nicht aufgeben werden.
Das Publikum bei der ausverkauften Premiere folgte dem berührenden Dialog hochkonzentriert und spendete anhaltenden Beifall. E.E.-K.

Spieldauer ca. 60 Minuten, keine Pause

Mittwoch, 31.07.2019

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