Candide - Schauspielhaus - kultur 149 - Oktober 2018

Candide
Foto: Thilo Beu
Candide
Foto: Thilo Beu

Fulminantes Welt-Spektakel

1986 eröffnete der damalige Schauspielintendant Peter Eschberg die neue Ära der Kammerspiele Bad Godesberg als Hauptspielstätte des Bonner Schauspiels mit Calderóns barockem Großem Welttheater. Der neue Schauspieldirektor Jens Groß ist jetzt ebenfalls mit einem wirklich großen Spektakel gestartet: Voltaires 1749 erschienener satirischer Novelle Candide oder der Optimismus. Der naive junge Held Candide, von seinem eloquenten Lehrer Pangloß überzeugt, dass er unweigerlich in der besten aller Welten lebe, erfährt eine ungeheuerliche Welt, nachdem er mit einem Fußtritt aus dem schönsten aller Schlösser in Westfalen hinausbefördert wurde. Der Grund: ein nicht ganz standesgemäßes physikalisches Experiment mit der reizenden Grafentochter Kunigunde.
Simon Solberg (Regie und Bühne) macht aus der philosophischen Erzählung ein sinnliches Theaterereignis. Mit phantastischen Bildern – allein die zwischen Monumentalität und Fragilität schwankende, ungemein wandlungsfähige Bühneninstallation hat einen atemberaubenden Schauwert – und viel Live-Musik. Die vierköpfige Band rockt zwar mit Lautsprecherverstärkung sehr massiv, aber lautes Ohrensausen ist durchaus angesagt bei Candides unfreiwilliger Welterkundung. Es ist tatsächlich Voltaires Text, der da szenisch fabelhaft erzählt wird. Mit aller sarkas­tischen Kritik des weltberühmten französischen Aufklärers an Krieg, Gewalt, Feudalismus, Kolonialismus, religiöser Intoleranz und Heuchelei, Kapitalherrschaft und brutaler Ausbeutung von Menschen. Voltaires bitterböse Parodie der populären Abenteuerromane bedarf kaum einer Aktualisierung. Aber genau des Spielwitzes, mit dem sich etliche neue Ensemble-Mitglieder dem Bonner Publikum bei dieser rasanten Weltreise mit ihren Schlaglichtern auf groteske Zustände vorstellen.
Allen voran Daniel Stock als Candide: ein glatzköpfiges, weißgeschminktes Kind, das in aller Unschuld an das Gute glaubt und stets eines Besseren – also Schlechteren – belehrt wird. Annika Schilling im Rokokoreifrock-Gestell (Kostüme: Franziska Harm) spielt herrlich unverschämt die schöne Kunigunde, die nach der grausamen Zerstörung von Heimat und Familie ständig verkauft und vergewaltigt wird.
Grandios verkörpert Wilhelm Eilers (als einziger aus dem bisherigen Ensemble) den optimistischen Pangloß mit einem Zauberhut, der auch zum Harry-Potter-Universum passen könnte. Als Großinquisitor mit Vorliebe für feurige Scheiterhaufen macht er ebenso gute Figur wie in zahlreichen anderen Rollen. Annina Euling überzeugt u.a. als junges Dienstmädchen und alte Zofe, Timo Kählert u.a. als treuer Gefährte Cacambo, Christian Gummert u.a. als ziemlich ehrlicher Kaufmann. Im Dauereinsatz sind zudem vier Schauspielstudenten/Absolventen der Alanus-Hochschule. Alessandro Grossi, Fabian Lichottka, Gerrit Maybaum und ­David-Joshua Meißner sind ein echter Gewinn in diesem ­geistigen und körperlichen Wahnsinns-­Pa­noptikum.
Alles kommt vor: Sex and ­Crime, Morde, Schlachten, Schiffbrüche, unglaublichste Rettungen, Naturkatastrophen wie das Erdbeben von Lissabon und Paradiese wie das sagenhafte El Dorado, wo Gold und Edelsteine allen zur Verfügung stehen und niemandem etwas bedeuten, weil jeder glücklich und zufrieden sein Tagwerk verrichtet. Dennoch muss Candide fort aus diesem fernen Glücksort und zurück nach Europa. Wie es sich gehört: der Liebe wegen.
Als Sklaven auf einer Galeere treffen sich am Ende etliche Totgeglaubte wieder und werden von dem reichlich ernüchterten Candide freigekauft. Dessen Restkapital reicht gerade noch für die Gründung einer gemeinsam verwalteten Landkommune (das reale historische Vorbild liegt bei Genf), wo alle das tun, was sie am besten können. Nach einem der wohl meistzitierten Sätze der Weltliteratur: „Genug geredet. Wir müssen unseren Garten bestellen.“
Mit dieser – zugegeben zeitweise etwas schrillen – Inszenierung (die poetischen Songs sind indes echte Kleinode) ist dafür ein glänzender und vom Publikum mit viel Beifall bedachter Anfang gemacht. Unbedingt erlebenswert! E.E.-K.

Spieldauer ca. 2:40 Stunden inkl. einer Pause
Die nächsten Vorstellungen:
5.10.// 7.10. // 10.10. // 14. 10. // 20.10. // 27.10.18

Donnerstag, 17.01.2019

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Letzte Aktualisierung: 17.11.2019 21:01 Uhr     © 2019 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn