Supergutman (Uraufführung) - Werkstatt - kultur 144 - März 2018

Supergutman
Foto: Thilo Beu
Supergutman
Foto: Thilo Beu

Intelligente Groteske

Fünf Kabinen mit nummerierten Türen sind im Halbrund angeordnet (Bühne: Hanna Lenz): Wohnwaben für Großstadt-Singles oder Zellen einer psychiatrischen Anstalt? In langen lila Unterröcken marschieren die Bewohner auf zum Hygieneprogramm am von einer Glasvitrine und einer Alarmglocke geschützten Zimmerspringbrunnen. Man tauscht Informationen aus und gelegentlich auch Haushaltsgeräte. Möglicherweise eine nachbarliche Zweckgemeinschaft.
Der Schweizer Autor Lukas Linder (*1984), dessen Drama Draußen rollt die Welt vorbei 2016 in der Werkstatt uraufgeführt wurde, nimmt in seinem neuen Auftragswerk für das Theater Bonn die Sehnsucht nach dem Superheldentum aufs Korn. Parzival Pech heißt durchaus nicht grundlos der gute Mensch, der sich in diesem bizarren Biotop um das Wohlergehen kümmert, leidenschaftlich Brot backt und gern auch das Internet repariert, wenn die Champions League läuft. Die Regisseurin Clara Weyde (*1984), die zum ersten Mal in Bonn arbeitet, hat Linders Text mit geradezu surrealem Witz inszeniert und bringt fünf eigenartige Kunstfiguren auf die Bühne, die sich in ihren grauen Kitteln mit Strumpfhosen und schwarzweißen Budapestern (Kostüme: Clemens Leander) irgendwo zwischen Zombie und Kleinbürger-Karikatur bewegen.
Das ist die kokette Frau Zuber (Johanna ­Falckner), die Freundlichkeiten gern ohne Dank annimmt. Der brave Fußballfan Herr Werner (Wilhelm Eilers) hat eine recht robuste Gattin (sehr komisch ohne Geschlechtertausch-Albernheit: Bernd Braun), die gern tratscht und wie ein Blockwart das Wohlverhalten überwacht. Herr Werner entpuppt sich als Roy, mächtiger Leiter des Kinderschutzamts, das der unbeliebten alleinerziehenden Mutter Irma Pfeifer (Lydia Stäubli) ihr Kind weggenommen hat, weil sie zu selten warm kochte.
Da muss Parzival eingreifen. Matthias Breitenbach spielt vortrefflich diesen stets freundlichen, sanftmütigen Junggesellen, der sich als Verteidiger der Entrechteten geriert. Sein unbeholfener Eifer kommt freilich nicht so gut an bei den Nachbarn. Irgendwann hängen die Zwangsjackenärmel der Kittel über der Wäscheleine, mit der Irma sich aufhängen wollte. In einer bitterbösen Talkshow-Parodie wird Irmas Fall schamlos zur Schau gestellt. Parzival spielt sich als Retter auf und trägt schließlich einen Napoleon-Hut aus selbstgebackenem Brot. Denn in seinem ehrenamtlichen Aktionismus steckt keineswegs bloß Nächstenliebe, sondern ein gutes Stück Eigennutz.
In Zeiten, wo das diskriminierende Wort „Gutmensch“ in die Nähe des „Wutbürgers“ rückt, zeigt Supergutman mit frecher Ironie die Schattenseiten der Hilfsbereitschaft. Mitunter tritt die Inszenierung auf der Stelle in diesem Kreislauf aus Verlangen nach Dankbarkeit und Macht einerseits und dem Misstrauen der widerwillig Beglückten andererseits. Vergnüglich untermalt von einer Musikcollage, in die sich selbstverständlich ein paar Wagnertöne mischen.
Zwischen seinem zerkrümelnden Brot für die Welt und den Leuten vor seiner Haustür reißt sich Parzival aus seinem Alltagskittel einen Superman-Glitzerumhang für den Abflug. Hilft aber nichts, die Nachbarn in diesem irren ­Panoptikum bevorzugen seinen Guglhupf mit Sprühsahne. Eine intelligente Groteske mit ausgezeichneten Spielern, die das Publikum ziemlich ratlos lässt. E.E.-K.

Spieldauer ca. 90 Minuten, keine Pause
Die nächsten Vorstellungen:
2.03. // 8.03. // 6.04.18

Donnerstag, 06.12.2018

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