Northwest Dance Project – Les Ballets Jazz de Montréal – Grupo Corpo - Oper Bonn - kultur 131 - Dezember 2016

Tanz Highlights aus Übersee


Innerhalb weniger Wochen brachte die von ­Burkhard Nemitz umsichtig kuratierte Reihe der Highlights des internationalen Tanzes gleich mehrere Europa-Premieren nach Bonn. Wieder war das Opernhaus bei den Vorstellungen fast ausverkauft, und das Publikum belohnte alle Truppen mit stürmischem Applaus.

Northwest Dance Project aus den USA
Den Anfang machte im Oktober die zum ers­ten Mal hier gastierende Truppe aus Portland/Oregon. Die 2004 von der Choreografin Sarah Slipper gegründete Company ist international noch wenig bekannt, aber eine Entdeckung in der weltweiten Tanzszene unbedingt wert. In Bonn zeigte sie die Europa-Premiere ihres Chopin Project. Live am Flügel begleitet von dem jungen südkoreanischen Pianisten Yekwon Sunwoo, 2015 beim „International Piano Forum“ in Frankfurt mit dem Deutschen Pianistenpreis ausgezeichnet. Chopins 24 Préludes op. 28 mit ihren abrupten Stimmungswechseln bilden das musikalische Gerüst für die dramatischen Szenen zwischen zarter Melancholie und manchmal auch praller Komik.
Da klebt beispielsweise ein Paar in einem nicht enden wollenden Kuss aneinander, während ihre Körper zappelnd auseinanderstreben. Gelbe Blüten wandern von den Händen zwischen die Zehen; später falten sie kleine gelbe Papierflieger und schicken sie auf eine Luftreise. Kokett stellen sie Schilder mit den Vornamen der vier Choreografen auf den Flügel, die den einzelnen Passagen ihre künstlerische Handschrift verliehen haben. Trotz der unterschiedlichen Bewegungskonzepte fügt sich alles in dem 60-minütigen Stück zu einer originellen Gesamtkomposition.
Die neun klassisch ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzer beherrschen die traditionellen Ballett-Figuren wie die expressiven Ges­ten des Modern Dance. Aber sie können auch unversehens von einer Pirouette zu ­Powermoves wechseln.
Auf diese an die Grenzen der körperlichen Erschöpfung reichende Arbeit folgte nach der Pause Yidam des britischen Choreografen Ihsan Rustem. Zum Streichsextett Weather One des amerikanischen Postminimal-Komponisten Michael Gordon entfachte die Company einen Rausch von Bewegungs-Reflexionen.

Les Ballets Jazz de Montréal aus Kanada
Ebenfalls zum ersten Mal in Bonn präsentierte sich diese hoch renommierte Company. Mit dem 45-minütigen Tanztheaterstück ­Harry eröffnete sie den Abend. Es ist eine dramatische Erzählung über zwischenmenschliche Beziehungen, die fundamentale Disharmonie der Geschlechter und das ewige Verlangen nach Aufmerksamkeit. Man trauert reichlich kühl an Harrys Bahre. Der junge Mann wird sich freilich schnell wieder einmischen in den Lebenskampf, den der israelisch-amerikanische Choreograf Barak Marshall der Truppe auf den Leib geschrieben hat.
Da wird Harry ein glänzender Suppentopf in die Hände gedrückt, die Mädchen knallen ihm die nicht passenden Deckel an die Jacke. Aus platzenden roten Luftballons quillt Rauch. Die Männer formieren sich zu einer Art Kriegerdenkmal, über dem eine rote Fahne weht. In die Musik-Collage aus Jazz und Folklore mischen sich mal eine Puccini-Arie oder ein jiddisches Lied. Unversehens dringen Explosions-Geräusche in den tänzerisch bis zur finalen Entropie aufgeheizten Raum und lassen die dynamischen Bewegungen erstarren. Sind wir in Tel Aviv, einem der Lebenszentren des international gefragten Allround-Künstlers Marshall? Die Party tobt jedenfalls weiter zwischen Todesangst und Lebenswut.
Von dem griechischen Choreografie-Großmeister Andonis Foniadakis stammte das geometrische Kosmos-Intermezzo zu den stampfenden Rhythmen der Musik von Julien Tarride. Gegen die meditative Ruhe erhebt sich der Lärm anonymer Menschenmassen, die hektisch nach ­Existenzgründen suchen und fragile Körperbilder ­kreieren, bei denen das eigenwillige Tanzvokabular der Company zu Hochform aufläuft.
Ein Video von der Arbeit an O Balcão de Amor des israelischen Choreografen Itzik Galili überbrückte die Umbaupause zum Schlussteil. Wer beim Titel gleich an Romeo und Julia denkt, liegt nicht ganz falsch. Obwohl es in dem 25-minütigen Stück vorwiegend um maskierte Individualität geht. Ob auf der angedeuteten Spitze im Tüll-Tütü oder barfuß im weißen Anzug – die Truppe zeigte sich selbstbewusst vielfarbig und tanzte sich zur Musik des legendären Mambo-Kings Pérez Prado beschwingt über alle Grenzen.

Grupo Corpo aus Brasilien
Ihre Körper scheinen keine Schwerkraft zu kennen. Immer wieder kippen sie kerzengerade in diagonale Positionen, die so unmöglich erscheinen wie ihre Flugfiguren. Zu ihrem 40. Jubiläum 2015 hat die junge Choreografin Cassi Abranches für Grupo Corpo ein weißes Ballett kreiert, das geradezu magisch die tänzerische Virtuosität der Truppe präsentiert. Suíte Branca feierte am 8. November hier ihre Europa-Premiere. Es war das dritte Bonner Gastspiel der Südamerikaner, die sich längst einen Spitzenplatz im internationalen Tanzgeschehen erarbeitet haben und z.B. in diesem Jahr auch die Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Rio mitgestalteten.
Sportliche Show-Elemente kommen durchaus vor in ihrer gut halbstündigen Erforschung von Bewegungsmomenten. In luftigen weißen Kostümen durchschreiten sie einen weißen Raum, dessen weißer Hintergrund die eisige Kälte eines Gletschers ausstrahlt. Aber im Licht von Bühnenbildner Paulo Pederneiras auch wie ein schrundiges Felsmassiv wirken kann. Gegen die vertikale Starre setzen die Tänzer horizontale Linien mit Bodenfiguren und atemberaubenden Luftnummern. Gefährlich gewagt erscheinen die akrobatischen Sprünge, Hebungen, Würfe und freien Fälle, die ein absolutes Vertrauen in die Partner voraussetzen. Genau das macht die Stärke von Grupo Corpo aus: Sie agieren als Gesamtkörper, in dem jeder Einzelne seine Individualität behauptet, aber gleichzeitig Teil eines gemeinsamen Energieflusses ist. Der entsprang diesmal der Musik des populären brasilianischen Komponisten Samuel Rosa und dessen Rockband Skank.

Das im Kontrast dazu sehr warmherzige Stück Benguelé des Choreografen Rodrigo Pederneiras, der zusammen mit seinem Bruder Paulo die Company zum Welterfolg führte, ist mittlerweile ein Klassiker im Programm. Es zelebriert bodenständig temperamentvoll die afrikanischen Wurzeln der brasilianischen Kultur. Animalische Bewegungen münden in aufrechte Märsche und freche Verfremdungen von populären Traditionen. Riesenbeifall für das ­große Ensemble, das in jeder Figur ungeheuer kraftvoll eine Utopie von gemeinsamer Menschlichkeit entwarf. E.E.-K.

Donnerstag, 19.01.2017

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