Und auch so bitterkalt - Theater Marabu - kultur 130 - November 2016

Das ferne Land Tenebrien



Am Ende wird die 16-jährige Lucinda aufbrechen nach Tenebrien, „das Land, wo alles einfach ist“. In Claus Overkamps großartiger Inszenierung nach dem Roman von Lara Schützsack verschwindet sie einfach unter dem runden weißen Flauschteppich (Ausstattung: Regina Rösing), auf dem sie mit ihrer Schwester Malina an hellen Tagen gern herumtollte, tanzte, sang. Sehnsüchtig die Sterne am Himmel betrachtete und selbst einer werden wollte.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Malina (Julia Hoffstaedter), die ihre große Schwester geradezu vergöttert. Lucinda (Manuela Neudegger) ist schön, lebenshungrig und eigenwillig. Auf ihrer radikalen Suche nach dem Sinn des Daseins probiert sie Bilder von sich selbst aus. Mit Engelsflügeln oder grell geschminkt mit weißblonder Perücke und schrägen Klamotten. Ein heller Lichtkreis lässt die Dunkelheit regelrecht greifbar werden, deren nächtlichem Sog sie immer mehr verfällt. Julia Hoffstaedter spielt auch die hilflose Mutter, die vor oder auf dem riesigen blauen Kühlschrank ihre Tochter zur Nahrungsaufnahme überreden/zwingen möchte und deren Weigerung nicht verstehen kann. Auch der Psychologe Dr. Zimmermann (als Karikatur ebenfalls verkörpert von Hoffstaedter) hat wenig Erfolg mit seinen Versuchen, Lucinda seinen Normen von Gesundheit anzupassen.
Dann gibt es noch den unsichtbaren Nachbarsjungen Jarvis, der Lucindas Sehnsucht nach dem echten Leben teilt. Und es sich deshalb nimmt. Das sind die dunklen Tage, deren faszinierend schillernde Schönheit das Mädchen seiner Spurensuche nach der Erwachsenenwelt anzieht bis zum bitterkalten Ende.
Die Magersucht ist hier eher eine Metapher für den unstillbaren Hunger nach Authentizität. Lucinda wollte sich unterscheiden. Besonders zu sein, ist ein großes Gefühl, dessen destruktiver Macht die sympathische junge Malina wohl kaum erliegen wird. Die Aufführung stellt keine expliziten Fragen nach Schuld oder Moral. Fordert jedoch dazu heraus, genauer nachzudenken über den grassierenden Selbstoptimierungswahn junger Menschen zwischen Anpassung und Widerstand.
Bei der Bonner Premiere (die Uraufführung kam bereits im Juli als Koproduktion mit dem „Asphalt-Festival“ in Düsseldorf heraus) gab es Riesenbeifall für die beiden hervorragenden jungen Profi-Schauspielerinnen und das ganze Kreativ-Team. E.E.-K.

Spieldauer ca. 70 Min., keine Pause
die nächsten Abend-Termine:
9.11. ? 28.11.16
Empfohlen für Publikum ab 14 Jahren.

Donnerstag, 19.01.2017

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