Love you, Dragonfly - Uraufführung in den Kammerspielen - kultur 130 - November 2016

love you, dragonfly
Foto: Thilo Beu
love you, dragonfly
Foto: Thilo Beu

Sehnsucht nach Glauben

Freiheit – Leben“. Ziemlich viel Stoff für einen Abend unter dem Zeichen der schillernden Libelle (= „Dragonfly“). Fritz Katers im Auftrag von Theater Bonn verfasstes Stück ist ein poetisch-politischer Essay über gescheiterte Utopien. Hinter dem ungemein produktiven fiktiven Autor verbirgt sich bekanntlich der mindestens ebenso produktive Regisseur Armin Petras, nach seiner viel beachteten Intendanz am Berliner Maxim-Gorki-Theater seit 2013 Schauspiel-Intendant am Staatstheater Stuttgart.
Im weißen Halbrund des raffiniert bewegten Bühnenbildes von Cora Saller begeben sich die Figuren auf eine ungefähr 80 Jahre umfassende Weltreise, deren lose verknüpfte Handlungsfäden in Buddebergs klarem Regiezugriff eine fabelhafte Stringenz gewinnen. Es sind tatsächlich radikale Fabeln, wenn auch ohne schlichte Wahrheiten. Eher berührende Lehrstücke über Versuche, den humanen Kern in den historischen Verwerfungen und persönlichen Illusionen zu finden. Tief unter die Haut geht anfangs die Geschichte des Ingenieurs Hermann, der dem sozia­lis­tischen großen Führer sein persönliches Glück opfert. Mareike Heins Bericht vom grausam bizarren Ende seiner Goldsuche in Sibirien wird man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommen.
Den spektakulärsten und heftig beklatschten Monolog hat vor der Pause das neue Ensemble-Mitglied Holger Kraft als Robert/Roberta. In den USA gründete dieser Zukunfts-Artist etliche Pleitefirmen, bevor seine neue Geschäfts-Idee florierte und eine „Sie“ gebar. Das ist so wahnsinnig komisch, dass die ganze Tragik sich libellenartig zwischen Black-Mummys im Supermarkt und Pferdezucht in der Karibik verflüchtigt.
Ansonsten bürstet die Inszenierung die Gestalten lieber anti-identifikatorisch gegen den Strich. Die zierliche Lena Geyer gibt den afrikanisch-stämmigen jungen Mann, der nach seiner Flucht ins Wirtschafts-Wunderland von einer Professorenfamilie adoptiert wurde und als Mörder im Knast landete (inkl. Befriedigung der krebskranken Gattin seines Gönners). Sören Wunderlich hat ein beklemmendes Solo als pubertierendes Mädchen, das in seinem Vergewaltiger Gott erkennt und den schönen Libellen in den Dorfweiher folgt. Überwältigend tapfer taucht Birte Schrein derweil als NVA-Soldat in einem Panzer auf Eiswasser-Fahrt im Grenzgebiet des Eisernen Vorhangs auf.
In Budapest trifft sich ein Ostberliner Paar vor und nach der Wende. In Kirgisien klaut ein Deserteur eine Kuh, um seinen Sohn vor dem Hungertod zu retten. Helfen wird die junge Ärztin Maria, die einst ihren geliebten Hermann an den Traum vom Gold verlor. Die meisten Frauen in den Geschichten sind übrigens angehende Medizinerinnen. Das bleibt freilich nur ein Nebenaspekt bei der hochspannenden Suche nach einer Möglichkeit von utopischer Transzendenz. Mit einem in allen Episoden geradezu unheimlich präsenten Darsteller-Quintett. Die Aufführung mit ihren vielen Irritationsmomenten ist zweifellos intellektuell und ästhetisch anspruchsvoll, lohnt aber unbedingt eine Besichtigung. E.E.-K.

Spieldauer Ca. 2 ¾ Std. Inkl. Einer Pause
die nächsten Termine:
5.11. ? 11.11. ? 15.12.16

Donnerstag, 19.01.2017

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