La Bohème - Oper Bonn - kultur 130 - November 2016

La Bohème, Oper Bonn
Foto: Thilo Beu
La Bohème, Oper Bonn
Foto: Thilo Beu

Unsentimentale Erinnerungen

Unsentimentale Erinnerungen

In einer ungeheizten alten Fabrikhalle hat sich eine junge Künstler-WG eingerichtet. An der Wand hängt ein Che-Guevara-Plakat. Es ist also die Zeit der Pariser Studenten-Bewegung 1968. Das Bühnenbild von Mathis Neidhart verweigert jede Mansarden-Romantik. Ein ärmlich gekleideter alter Mann durchstöbert eine Mülltonne. Der Regisseur Jens-Daniel Herzog, Intendant an der Oper Dortmund, erzählt die Geschichte der Bohemiens aus der Sicht des alten Rodolfo. Volker K. Bauer (von 1993 bis 2003 fest am Schauspiel Bonn engagiert) verkörpert diese stumme Figur, die durch die kalte Szenerie geistert. Der narrative Kunstgriff funktioniert: Puccinis 1896 uraufgeführte Oper vom Leben, Leiden und Lieben einer zwischen Welt- und Weingeist schwankenden Intellektuellen-Gruppe – gespiegelt in der politisierten Jugend-Revolte und leise reflektiert von deren alt gewordenem Relikt.
Die Inszenierung lebt freilich von der Musik unter der umsichtigen Leitung von Jacques Lacombe, der am Pult des Beethoven Orchesters alle Motiv-Verknüpfungen wunderbar transparent macht. Hier passiert mit allen Gänsehaut-Effekten die kurze Erwärmung des eiskalten Händchens der kleinen, schwindsüchtigen Mimi, die in der neuen Modeindustrie Blumen auf die Kleider der Reichen und Schönen stickt. Sumi Hwang mit ihrem feinen Sopran ist eine Traumbesetzung für das naive Mädchen, das am Weihnachtsabend in die Künstlerkommune hereinschneit, wo der eitle Schriftsteller Rodolfo noch an einem Text bastelt und seine neue Flamme dann auf dem Sofa vernascht. Schließlich ist er ein genialer Poet und folglich jenseits aller Moral. Sehr schön lässt der neue Bonner Tenor Felipe Rojas Velozo seine farbenreiche Stimme bis zum bitteren Ende glänzen.
Auf der sympathischen Seite brilliert das langjährige Bonner Ensemble-Mitglied Giorgos Kanaris als Maler Marcello, der ein Herz für die Unterprivilegierten hat. Der Musiker Schaunard – vielversprechend gesungen von dem neuen Bonner Bariton Iwan Krutikow – agiert eher robust gegen den Weltschmerz seiner Freunde. Spielerisch und sängerisch phänomenal ist der Bass Martin Tzonev als komischer Philosoph Colline, der so ziemlich alle Utopien studiert hat und seinen Mantel opfert für das Überleben der kleinen Midinette Mimi.
Die Anarcho-Boygroup feiert den Heiligabend feuchtfröhlich an einer Fress-/Saufbude im Quartier Latin (alias „Café Momus), nachdem sie den alten Miethai Benoit (Aldo Tiziani) mit Champagner ruhig gestellt hat. Marcello verfolgt die kokette Musetta (die frischweg von der Kölner Musikhochschule engagierte Sopranistin Marie Heeschen) mit seiner Eifersucht. Sie mimt auf dem Dach des Imbisswagens die Freiheits-Heldin, während eine Demonstration mit revolutionären Plakaten die Polizei auf den Plan ruft. Auch sonst geht es nicht gerade friedlich zu: Die braven Bürger-Kids in ihren noblen Schuluniformen (Kostüme: Sibylle Gädeke) zertrampeln das Fahrrad des blinden Spielzeughändlers Parpignol (Soonwook Kat, Student an der Musikhochschule Köln, mit der die Oper Bonn regelmäßig kooperiert). Im Getümmel verschwinden die jungen Revoluzzer und überlassen die Rechnung Musettas neuem reichen Lover Alcindoro (Sven Bakin). Hervorragend bewähren sich wieder der Chor unter der Leitung von Marco Medved und der von Ekaterina Klewitz einstudierte Kinder- und Jugendchor.
Es bleibt kalt in Paris. Vor dem Vorstadt-Puff „La Vie Douce“, wo Musetta mit Pole Dance und Gesang zur Unterhaltung beiträgt, stehen die Herren fröstelnd Schlange. Rührend hilflos erscheint die von Rodolfo verlassene todkranke Mimi. Den ersehnten Frühling wird das Mädchen trotz der selig beschworenen neuen Gemeinsamkeit nicht mehr erleben. Die erfolglosen Künstler haben mit sich selbst zu tun, pflegen ihren Weltschmerz und ihre gekränkte Eitelkeit. Nur Musetta, nun in Parka und Stiefeln offenbar zur Sozial-Aktivistin gewandelt, kümmert sich um die völlig erschöpfte junge Frau. Leise rieselt der Schnee, während Mimi – von Rodolfo kaum bemerkt – ihr Leben aushaucht. Der alte Rodolfo hält sich das rosa Mützchen, das der junge ihr einst schenkte, zärtlich an die Wange. Ein letzter kleiner Moment der Wärme angesichts der Kälte, an der Mimi zugrunde ging.
Die Inszenierung erzählt mit präziser Personenführung eine hochemotionale Geschichte. Gerade weil sie die ständig genannte Kälte spürbar macht. Die jungen Männer, die da den Sozialismus predigen, sind egois­tische Hedonisten. In Henri Murgers Roman Scènes de la vie de bohème, der Puccini als Vorlage für sein unsterbliches Meisterwerk diente, machten die Freunde schließlich auch ganz ordentlich Karriere und vergaßen die Episode mit Mimi.
Die vereinzelten Buhs für das Regieteam bei der Premiere darf man getrost vergessen. Der Beifall für eine im besten Sinn nachdenkliche Interpretation, das exzellente Solisten-Ensemble und die musikalisch vollauf überzeugende Aufführung überwog deutlich. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2½ Std. inkl. einer Pause
Die nächsten Vorstellungen: 11.11.? 20.11.? 25.11.16
Auch bei dieser Inszenierung sind die menschlichen Opernführer ­wieder im Einsatz. Wenn Sie Fragen zu Stück, Autor oder Inszenierung haben: Einfach im Foyer ansprechen.

Donnerstag, 19.01.2017

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