Romeo und Julia - Kammerspiele - kultur 129 - Oktober 2016

Romeo und Julia, Theater Bonn
Foto: Thilo Beu
Romeo und Julia, Theater Bonn
Foto: Thilo Beu

Liebe in finsteren Zeiten



Im Untergrund lauert der Sumpf. Also das Wasser, dessen hübsche Spritzeffekte anscheinend alle Bühnenbildner derzeit ebenso lieben wie optisch dominante Räder oder Röhren mit offensichtlichem Symbolwert. Valentin Baumeister hat also Verona in eine Art Beton-Tunnel verwandelt, bei dem sich einzelne Elemente vertikal drehend durch das Geschehen fräsen. Was es den Schauspielern nicht gerade leicht macht, die Balance zu halten zwischen Bewegung und Sprechkunst.
In der Inszenierung der jungen Regisseurin Laura Linnenbaum, die sich in Bonn mit ihrer exzellenten Werkstatt-Arbeit Spieltrieb nach dem Roman von Juli Zeh für die Saisoneröffnungs-Premiere in den Kammerspielen qualifizierte, spielen sie Shakespeare. Konsequent und klar, ohne die üblichen ironischen Abschweifungen und Albernheiten. In der modernen Übersetzung von Thomas Brasch, die die witzigen Wortspiele, Verse und Reime für heutiges Publikum auf den Punkt bringt.
Denn die Tragödie des berühmtesten Liebes­paars der Weltliteratur ist über weite Stre­cken eine Komödie. Alles passiert plötzlich, kluge Pläne scheitern an Zufällen. Und eben an der alles beherrschenden Feindschaft zweier Familienclans. Die jungen Männer tragen Kampfanzüge und Handfeuerwaffen (Kostüme: Michaela Kratzer). Auch Romeo aus dem Hause Montague. Manuel Zschunke spielt überzeugend den schmalen blonden Jüngling, der über die Liebe philosophiert, bevor sie ihn wie ein Blitzschlag trifft. Lara Waldow (neu im Ensemble) ist das Mädchen Julia, ein Trotzköpfchen, das alles sofort will.
Vom ersten Kuss über die heimliche Vermählung und die Hochzeitsnacht bis zur Trennung vergeht gerade mal ein Tag. Vom Liebes-Wahnsinn ist bei dem Paar dabei mehr zu spüren als von echter Leidenschaft. Die zärtliche Vereinigung (inkl. der vielzitierten Nachtigall und Lerche) vollzieht sich eher beiläufig, während im Zentrum Julias Eltern bereits die Verehelichung ihrer Tochter mit dem Prinzen Paris (Daniel Gawlowski) verhandeln. Der trägt eine kugelsichere Weste über dem Business-Anzug, was ihm beim Showdown in der Familiengruft aber auch nichts nützt. Das tödliche Ende verläuft kurz und schmerzlos am Rand.
Dafür rücken im ersten Teil der Aufführung die mörderischen Streitereien der halbstarken Jungs in den Vordergrund. Der hervorragende Hajo Tuschy gibt Romeos wortgewandten Freund Mercutio, der selbst sterbend noch ein Bonmot auf den Lippen hat. Benjamin Berger spielt den Provokateur Tybalt, der von Romeos Hand fällt. Dieser wird vom Prinzen aus dem Land verbannt, was die tragische Maschinerie in Gang setzt. Der vielseitige Schauspieler Benjamin Grüter als schwarzgewandeter, barfüßiger Pater Lorenzo verfolgt mit der Vermählung des jungen Paars eine Friedensmission und hilft den Verliebten ebenso tatkräftig wie vergeblich.
Ursula Grossenbacher ist eine stahlkühle, wenig mütterliche Lady Capulet; Wilhelm Eilers der Familienpatriarch, der hinter seiner Jovialität politisches Kalkül verbirgt. Töchterchen Julia ist für beide eher ein Objekt als ein lebendiges Geschöpf mit eigenen Gefühlen. Verständnis für alle jugendlichen Verwirrungen zeigt dagegen die alte Amme. Wolfgang Rüter macht die Rolle zur tragenden der Inszenierung. Gegen die ausgebremsten Emotionen setzt er pralle Komik und schließlich die Trauer um sinnlos verlorenes Leben. In seiner Darstellung scheinen alle bewegenden Empfindungen auf, die die herrschende Finsternis erhellen könnten. Außerdem spricht er deutlich, was beim restlichen Ensemble leider nicht immer der Fall ist und einige Pointen im Bühnenlärm untergehen lässt.
Die utopische Versöhnung der feindlichen Familien findet nicht statt. Kein sentimentales Pathos, kein Sonnenstrahl der Liebe – die Zukunft in Verona bleibt düster. Dennoch: Das Schauspiel Bonn ist mit dieser höchst respektablen, gedanklich klugen und mit viel Beifall belohnten Inszenierung gut in die neue Saison gestartet. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 ½ Std. inkl. einer Pause
die nächsten Termine :
08.10. / 26.10. / 29.10. / 3.11. / 6.11.16

Donnerstag, 15.12.2016

Zurück

Merkliste

Veranstaltung

Momentan befinden sich keine Einträge in Ihrer Merkliste.

Letzte Aktualisierung: 20.11.2018 21:01 Uhr     © 2018 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn