Evita - Oper Bonn - kultur 129 - Oktober 2016

Evita
Foto: Thilo Beu
Evita
Foto: Thilo Beu

Politik als Big Show – wir erleben es nicht nur im aktuellen amerikanischen Wahlkampf. Die deutschsprachige Erstaufführung des Musicals Evita, uraufgeführt 1978 in London, fand übrigens am Tag der Inauguration des Präsidenten-Schauspielers Ronal

Glanz und Elend einer AufsteigerinKunzes 1981 in Wien präsentierte Übersetzung des englischen Originals wird jetzt auch in Bonn gespielt. Allerdings ohne großes Orches­ter, sondern in einer vom Komponisten Andrew Lloyd Webber autorisierten Band-Besetzung. Der Sound der auf zwei Bühnenpositionen verteilten Instrumentengruppen mit dem musikalischen Leiter Jürgen Grimm am Keyboard klingt härter und rockiger als die übliche Version. Was der Geschichte vom Aufstieg eines armen Provinzmädchens zur First Lady Argentiniens alle falsche Sentimentalität austreibt. Aber bei der Premiere technisch so verstärkt wurde (wahrscheinlich mit Rücksicht auf die grassierende Jugend-Schwer­hörigkeit), dass die Textverständlichkeit und die feinen Zwischentöne darunter litten.
Dabei lohnt sich das genaue Hinhören bei den raffinierten Dialogen und großartigen Songs durchaus. Der Hit „Wein nicht um mich, Argentinien“ zieht sich durch die ganze Geschichte, die der versierte Musical-Regisseur Gil Mehmert mit rasantem Tempo und brillanten Effekten inszeniert hat. Die opulente Ausstattung von ­Beatrice von Bomhard (Bühne und Kostüme) lässt keine Wünsche offen, die schwungvolle Choreographie von Kati Farkas mit einem eigens engagierten Tanz-Ensemble ist absolut mitreißend.

Das Ganze beginnt 1952 in einem Kino in Buenos Aires. Die Filmschnulze wird unterbrochen durch die Nachricht vom Tod der „geistigen Führerin der Nation“. Mit einem spöttischen „Was für ein Zirkus!“ kommentiert der Student Ché (die Figur hat mit dem historischen Revolutionär nichts zu tun, die unvermeidliche Assoziation ist jedoch geschickt einkalkuliert) die Trauer um „Santa Evita“. David Jakobs verkörpert gesanglich und spielerisch hervorragend den kritischen Intellektuellen und Erzähler, der angesichts des pompösen Sargs zurückführt in das Dorf, wo Eva Duarte als uneheliche Tochter eines Großgrundbesitzers aufwuchs. Und sich den Tango-Star Magaldo (fabelhaft: der Tenor Johannes Mertes, der bereits als Cantór in María de Buenos Aires glänzte) angelt, der sie vergeblich vor den Gefahren der Großstadt warnt. Die ehrgeizige Eva will freilich um jeden Preis nach oben.
Star der Aufführung ist fraglos Bettina Mönch in der Titelrolle. Sie begeis-­ terte in der vergangenen Saison schon als Audrey im „Kleinen Horrorladen“ und überzeugt jetzt mit großem Musical-Sopran und schauspiele­rischer Intelligenz als eine Frau, die energisch die Männermacht für sich benutzt. Sie ist das 15-jährige naive dunkelhaarige Mädchen, das sich durch Vorstadt-Puffs hocharbeitet ins schillernde Mediengeschäft. Und weiter zur blonden, glamourösen Königin der Herzen („Das Volk braucht eine Prinzessin“) an der Seite des Generals und späteren Staatspräsidenten Juan Perón. „Ich bin gut für dich und du für mich“, verspricht Eva dem skrupellosen Politiker und hält ihr Wort. Um Liebe geht es dabei kaum: Im Bett spielen die beiden gern Schach. Einen kleinen, aber eindrucksvollen Auftritt hat Eva Löser als namenlose Mistress, die von der neuen Flamme des Potentaten eiskalt aus dessen Schlafzimmer verjagt wird.
Der großartige Mark Weigel als Perón hat dabei weniger zu singen als zu zeigen über die Methoden, mit denen man ganz demokratisch höchste Ämter erobert. In einer an das Spiel „Reise nach Jerusalem“ erinnernden Szene verlieren die Gegner buchstäblich ihre Sitze. Die feine Gesellschaft mag hochnäsig intrigieren gegen die populäre Frau, die von den sozial Benachteiligten zunehmend wie eine Heilige verehrt wird. Sie ist jung, schön, reich und berühmt, zelebriert ihre gemeinnützige Wohltätigkeit und wirbt auf ihrer historischen „Regenbogen-Tour“ durch Europa für das mehr als zweifelhafte Regime ihres Gatten. Irgendwann hängt jedoch nur noch ihr weißes, mit Diamanten besetztes Kleid leer in einem goldenen Rahmen: Eine gespenstische Ikone. Aber „Santa Evita“, wie sie von ihren vielen Anhängern genannt wird, kapituliert nicht. Ihre legendäre Rede auf dem Balkon der Casa Rosada wird zum theatralen Triumph. Schon von der tödlichen Krebskrankheit gezeichnet, macht sie mit eiserner Disziplin ihren Job. Perón wird ihre Stärke nutzen, bis sie von ihrem glamourösen Leben Abschied nimmt und leise durch die Hintertür verschwindet, aus der sie einst kurz ins Rampenlicht trat.
Die Sympathie des Publikums gehört indes dem ungemein beweglichen Ché, der von Peróns Schergen mehr als einmal zusammengeschlagen wird, aber immer wieder seine Stimme erhebt gegen Korruption und Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Freilich auch zugeben muss, dass Eva mehr als bloß ein ambitioniertes, schillerndes Modepüppchen war. Sie hat ernsthaft viel gewollt und verloren.
Der Opernchor unter der Leitung von Marco Medved und der von Ekaterina Klewitz einstudierte Kinder- und Jugendchor sind echte Akteure in dem klug inszenierten Musik-Spektakel um Show-Werte von Regierungsaspiranten, die die Masse der Unzufriedenen mobilisieren und Diktaturen den Weg bereiten.
Evitas einbalsamierter Leichnam wurde nach Peróns Sturz 1955 nach Europa geschafft und kurze Zeit sogar heimlich im Keller der argentinischen Botschaft in Bonn ‚zwischengelagert‘. Peróns dritte Ehefrau und Amtsnachfolgerin Isabel ließ nach dessen Tod die sterblichen Reste ihrer Vorgängerin wieder nach Argentinien überführen. Seit 40 Jahren ruht die ­historische Musical-Heldin nun in der Familiengruft der Duartes, wo ihr zum Muttertag immer noch viele Menschen Blumen bringen.
Mit Beifall geradezu überschüttet wurde das ganze Team der neuen, hochaktuellen Musical-Produktion an der Oper Bonn. E.E.-K.

Spieldauer ca. 2½ Std. inkl. einer Pause
Die nächsten Vorstellungen:
14.10., 29.10.16
Beachten Sie auch unsere Veranstaltung Art & Eat zu Evita auf Seite 18.

Donnerstag, 15.12.2016

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