Cosí fan tutte - Oper Bonn - kultur 122 - Januar 2016

Cosí fan tutte
Foto: Theater Bonn
Cosí fan tutte
Foto: Theater Bonn

Geistreiches Spiel mit der Liebe


Es ist eine Komödie. Nachdem Spielleiter Don Alfonso die Fäden seiner dramatischen Intrige festgezurrt hat, bittet er lächelnd das Publikum um Applaus und schaut eine Weile aus der ersten Reihe gelassen zu, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Regisseur Dietrich Hilsdorf spielt in seiner 21. Bonner ­Inszenierung ungemein geistreich mit der Versuchs-Anordnung auf der Bühne. Weil die Irrungen der Gefühle zeitlos sind, bedarf es auch keiner Modernisierungen. Mozarts 1790 in Wien uraufgeführte Oper Così fan tutte bleibt also angesiedelt im Neapel des späten 18.Jahrhunderts. Der Epoche also, die die Freiheit des Individuums und das moralische Empfinden ins Zentrum rückte und zugleich die Mechanik der Emotionen untersuchte.
In dem hellen großen Salon, den Bühnenbildner Dieter Richter als Schauplatz entworfen hat, läuft alles nach Plan. Schon bei der Ouvertüre entspricht jede Bewegung der Akteure exakt der Musik aus dem Orchestergraben, wo Chefdirigent Hendrik Vestmann am Pult des wunderbar transparent klingenden Beethoven Orchesters Bonn seine letzte Bonner Premiere absolvierte, bevor er als Generalmusikdirektor nach Oldenburg wechselt. Ein Sonderlob gebührt ­Christopher Sprenger, der am Continuo-Hammerflügel auch mal Motive aus anderen Mozart-Opern aufblitzen lässt. Mit dem Librettisten Lorenzo da Ponte hatte der Komponist ja schon bei Le nozze di Figaro und Don Giovanni zusammengearbeitet, bevor er die eher konventionelle Buffa-Rollenkonstellation in „Così“ mit einer Tonsprache versah, die heimlich alles Sein in Schein verkehrt.
Hilsdorfs Inszenierung konzentriert sich ganz auf die sechs Figuren (also ohne Chor) und macht daraus ein intimes Kammerspiel. Dass es im festen Bonner Solisten-Ensemble dafür solch exzellente Mozartstimmen gibt, ist eine kleine Sensation und mit ein Grund, das nicht gerade als Kassenschlager geltende und im 19. Jahrhundert moralinsauer verpönte Werk auf den Spielplan zu setzen. Sumi Hwang mit ihrem wundervollen lyrischen Sopran ist eine hinreißende Fiordiligi, die Mezzosopranistin Kathrin Leidig bezaubert als deren nicht ganz so sentimentale Schwester Dorabella. Kein Wunder, dass ein Doppelbett am Bühnenrand zur Verfügung steht für die Turtelei mit den charmanten Herren. Der Tenor Tamás Tarjányi als Dorabellas Verlobter Ferrando und der Bariton Giorgos Kanaris als Fiordiligis zukünftiger Gatte Guglielmo sind stimmlich echte Dream-Boys und sehen auch noch verdammt gut aus in ihren Offiziers-Uniformen – die Kos­tüme von Renate Schmitzer sind ohnehin ein Augenschmaus.
Nur der zynische Philosoph Don Alfonso (glänzend gesungen und verkörpert von dem Bass Priit Vollmer) hat angesichts der Liebes- und Treueschwüre so seine Zweifel und startet ein Experiment. Wobei Zimmermädchen Despina (spielerisch und sängerisch umwerfend gut: Susanne Blattert, die bei der letzten Bonner „Così“ 2000 in der nicht ganz so überzeugenden Regie von Alfred Kirchner die Dorabella sang) ein wichtiger Part zukommt und bei gelungener Wette sogar ein Teil des monetären Gewinns. Köstlich ist ihr Auftritt als Doktor Mesmer, der mit medizinisch zweifelhaften Methoden und Fistelstimme selbst Tote wieder lebendig macht.
Die von der unerschütterlichen Treue ihre Bräute überzeugten Männer werden nämlich angeblich in den Krieg abkommandiert, um kurz danach als reiche Albaner verkleidet wieder aufzutauchen und die Geliebte des jeweils anderen zu umwerben. Mit durchaus unfairen Mitteln, fingierten Selbstmorden und allerhand Komödien-Spuk inklusive Commedia dell’Arte-Elementen und Marionetten-Einsatz. Der geistig robuste Guglielmo nimmt die Festung Dorabella im Sturm, der feinsinnige Ferrando hat mit der tapferen Fiordiligi mehr zu tun, bevor ihr Widerstand zusammenbricht.
Der Witz dabei: Gerade unmaskiert gelingt die Täuschung am besten. Wenn die Herren quasi ‚echt‘ erscheinen, so dass die Mädels eigentlich sehen müssten, dass sie dem Falschen erliegen, funktioniert das Spiel richtig. Hilsdorf nimmt die Paradoxie der Gefühle bei aller Komik sehr ernst, gönnt den Akteuren schöne Reflexionsmomente und sängerische Entfaltung. Mit den vielen ironischen (und musikalisch stets motivierten) Details seiner Inszenierung vom fliegenden Frühstückstablett bis zu den zerrupften Blumen ließe sich diese kultur ­locker füllen.
Der Untertitel von Mozarts Oper lautet übrigens „Die Schule der Liebenden“. Nach der Lektion „So machen’s alle“ von Lehrmeister Alfonso wissen die Paare nicht mehr, wer nun tatsächlich zu wem gehört. Folgt man der Anziehungskraft der Ähnlichkeiten oder der Gegensätze? Lässt man den flatterhaften Amor einfach gewähren und glaubt an die Liebe, ohne Beweise zu verlangen? Auf dem über die vorderen Zuschauerreihen gebauten Plateau wenden sich die Spieler immer wieder an die Zeugen des gar nicht so harmlosen psychologischen Experiments mit lebendigen und deshalb widersprüchlichen Menschen.
Leider hat Mozart in der Eile vergessen, eine Putzfrau als siebte im Bunde zu komponieren. Macht aber nichts: „Constanza, donna delle pulizie“ (Volker Hoeschel) ist eine Erfindung des Regisseurs, der sich immer gern augenzwinkernd einen Seitenblick erlaubt. Ansonsten eine in jeder Hinsicht fabelhafte Aufführung, die auch weite Wege nach Bonn wert ist. Bei der Premiere begeisterte Ovationen für das großartige Solisten-Ensemble und das inspirierte Inszenierungs-Team. Eine Top-Produktion, absolut sehens- und hörenswert! E.E.-K.

Spieldauer ca. 3 Stunden, inkl. Pause
die Letzten Termine :
16.01. (ausverk.) // 18.02. // 28.02. // 6.03. // 3.04. // 10.04.16

Tipp: Bei allen Terminen von „Cosí fan tutte“ warten wieder Opernführer ab einer Stunde vor der Aufführung im Foyer der Oper - trauen Sie sich, sie anzusprechen, um mehr über die Oper und die Inszenierung zu erfahren.

Dienstag, 02.02.2016

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