Gift - Theater Die Pathologie - kultur 121 - Dezember 2015

Gift
Foto: Jürgen Klack
Gift
Foto: Jürgen Klack

Sensibles Kammerspiel um
verwaiste Eltern



Ein weißer Vorhang, zwei Koniferen – Friedhofstristesse. Der Mann mit lässiger Lederjacke wartet, zündet sich nervös eine Zigarette an, macht Handy-Fotos. Ein Brief der Friedhofsverwaltung hat ihn herbestellt: Gift habe den Boden verseucht. Deshalb müssten die Toten umgebettet werden, darunter auch sein verstorbener Sohn. Seine Ex-Gattin erscheint. Wie sich bald herausstellt, hat sie selbst den Brief geschrieben. Ein leicht makabrer Trick, um den Mann wiederzutreffen, der sie exakt um 19.10 Uhr am Silvesterabend 1999 verließ, um im neuen Jahrtausend ohne sie zu leben.
Die Ehegeschichte Gift der niederländischen Autorin Lot Vekemans ist derzeit sehr beliebt auf deutschen Bühnen und steht aktuell z.B. auch an den Schauspielhäusern Bochum und Düsseldorf auf dem Spielplan. Verwaiste Eltern sind ein Thema, das schwer in Worte zu fassen ist, aber hier fast leichtfüßig formuliert wird. Im Bonner Theater Die Pathologie hat Ulrich C. Harz den intimen Dialog des Paares inszeniert, dessen Liebe mit dem Unfalltod ihres halberwachsenen einzigen Kindes starb. Konzentriert auf die dialektische Redekunst der beiden Schauspieler Helga Bakowski und Martin-Maria Vogel.
Bakowski spielt souverän die Frau als einsame Heroine des Schmerzes. Ein Borderline-Fall, süchtig erst nach Pralinen und Schlaftabletten, dann nach dem Leiden, an das sie sich hart­näckig klammert. Manchmal scheint sie in dem immer noch geliebten Mann den pubertierenden Jungen zu sehen, der ihr unter tragischen Umständen genommen wurde. Manchmal scheint sie wie betäubt in der Vergangenheit festzuhängen und die Gegenwart zu negieren.
Martin-Maria Vogel gibt den vor dieser in ihrer egomanischen Trauer Gefangenen in die Realität geflüchteten Mann, der sich in Frankreich eine neue Existenz mit neuer Frau und bald zur Welt kommendem Kind aufgebaut hat. Inklusive kleinbürgerlichem Männergesangsverein. Fast wie ein Therapeut redet er anfangs auf seine einstige Gattin ein und zunehmend durch sie hindurch. Es ist nicht mal Eifersucht, sondern eher ein Versuch, seine scheinbar unverletzliche Gegenwart zu durchbrechen, wenn sie schließlich ausrastet und ihm eine Flasche über den Kopf haut. Um sofort mütterlich seine blutende Wunde zu pflegen. Eine Art heilender Befreiungsschlag. Dann plaudern sie bei einem letzten Glas Wein wieder über das Leben, das ihre Liebe vergiftete, aber deshalb nicht aufhörte. Diesmal reden sie auf Augenhöhe. Denn nichts ist endgültig vorbei, nur gelockert für eine neue Nähe.
Ein unspektakuläres Drama über Begegnung und Abschied, das in dem kleinen Raum besonders berührt. Entsprechend nachdenklicher Premierenbeifall. E.E.-K.

Spieldauer ca. 70 Minuten, keine Pause
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Dienstag, 02.02.2016

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