Moulin Rouge - Tanzgastspiel Royal Winnipeg Ballet (Kanadas) in der Oper Bonn - kultur 121 - Dezember 2015

Fabelhafte Pariser Bohème



„Quand il me prend dans ses bras…“, jubelt die Stimme von Edith Piaf. Paris erwacht, und dem frisch verliebten Paar Nathalie und Matthieu erscheint die Zukunft als La vie en rose. Aus dem 20. Jahrhundert direkt zurück in die Belle Époque der Stadt der Lichter und der Liebe, entführte Anfang November das Royal Winnipeg Ballet, Kanadas älteste Ballettcompagnie. Mit ihrer ungemein erfolgreichen Produktion Moulin Rouge war die fabelhafte Truppe an zwei Abenden im ausverkauften Bonner Opernhaus zum ersten Mal zu erleben. Sie tanzen klassisch auf der Spitze, pirouettenselig mit dem traditionellen Bewegungsreper­toire des 19. Jahrhunderts. Technisch perfekt und ungeheuer präzis auch in den großen Ensemble-Szenen, in denen das Corps de ballet seine herausragende Qualität beweist.
In der schwungvollen Choreographie von Jorden Morris wirkt das dennoch gänzlich unverstaubt. In seine elegante Musikcollage mischen sich unverschämt Operetten-Hits und heiße Tango-Rhythmen. Natürlich darf Offenbachs rasanter Cancan nicht fehlen. Ebenso wenig wie dessen legendäre Königin La Goulue, rothaariger Star des Moulin Rouge und verewigt auf berühmten Plakaten von Toulouse-Lautrec. Der Maler taucht höchstpersönlich auf in dem hinreißenden, knapp zweieinhalbstündigen Handlungsballett, das furchtlos eine sentimentale Geschichte präsentiert. Der Tanz ist Thema der charmanten Revue aus dem Bohème-Milieu der Belle Époque. Im Hintergrund leuchtet der 1889 eröffnete Eiffelturm, am Montmartre drehen sich die Windmühlenflügel des im selben Jahr eingeweihten Varietés. Die Show-Girls in ihren bunten Kostümen sind eine Augenweide, ganz Paris träumt von der Liebe, und unter den Brücken herrscht Clochard-Romantik pur. Keine aus Not verbrannten Manuskripte und kein eiskaltes Händchen wie bei Puccini, sondern reizende Bilderbuch-Künstlerarmut.
Der aufstrebende junge Maler Matthieu muss zwar die Kritik seines erfahrenen Kollegen Toulouse-Lautrec ertragen, was zu einem witzigen Wettkampf mit Pinsel und Leinwand und einer herzlichen Freundschaft führt. Die kann der blonde Sonnyboy auch brauchen, nachdem die bezaubernde, hochtalentierte Nathalie die Aufmerksamkeit des mächtigen Varieté-Chefs Zidler gewonnen hat. Die ehrgeizige junge Tänzerin will um jeden Preis ein Engagement im Moulin Rouge und nimmt den Kampf mit ihren Konkurrentinnen beherzt auf. Zumal der Mann im bordeauxroten Samtanzug mit seinen atemberaubenden Luftsprüngen (Liang Xing sei hier stellvertretend für die brillanten Solisten und Solistinnen des Ensembles genannt) auch eine erotisch faszinierende Ausstrahlung hat.
Es kommt, wie es kommen muss: Demütigung, Ausbeutung, Eifersucht – das volle Love-Story-Programm bis zum finalen Revolverschuss. Nathalie und Matthieu tanzen einen fast überirdisch schönen Pas de deux im romantischen Mondlicht am Seineufer. Der wütende Zidler trennt das glückliche Paar und holt seine Favoritin brutal zurück in sein frivoles Vergnügungs-Imperium. Der untröstliche Matthieu ergibt sich den giftgrünen Feen. Absinth bis zum Umfallen und dem letzten Versuch, im Kellnerkostüm die Geliebte der dämonischen Mühle zu entreißen. Blutiger Last Waltz in Paris, zum Sterben schön hart an der Kitschgrenze. Aber so traumhaft getanzt, wie man sich eine moderne Reanimation der traditionellen Gattung „Handlungsballett“ wünschen darf. Begeisterter Applaus! E.E.-K.

Donnerstag, 28.01.2016

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