Supergute Tage - Junges Theater Bonn - kultur 120 - November 2015

Supergute Tage
Foto: Junges Theater Bonn
Supergute Tage
Foto: Junges Theater Bonn

Sonderbare Welt


Wellington wurde brutal ermordet. Exakt um 7 Minuten nach Mitternacht entdeckt der 15-jährige Christopher Boone die noch warme Leiche des Hundes der Nachbarin Mrs. Shears. Eine Mistgabel steckt im Körper des Tieres. Krimifan Christopher möchte den Täter ermitteln, gerät aber erst mal selbst unter Verdacht. Weil er den herbeigeeilten Polizis­ten geschlagen hat.
Christopher erträgt es nämlich nicht, wenn man ihn anfasst. Er liebt Primzahlen, Computerspiele und seine zahme Ratte, weiß die Hauptstädte aller Länder und wäre gern Astronaut. Er ist ein As in Mathematik und Physik, kann aber das Verhalten von Menschen nur schwer entschlüsseln. Er kann nicht lügen, versteht keine Metaphern und fürchtet sich vor allem, was seine logische Interpretation der Umgebung stört. Gefühle begreift er nicht. Christopher ist Asperger-Autist, lebt mit seinem alleinerziehenden Vater in der südwestenglischen Stadt Swindon und besucht eine Sonderschule.
Der 2003 erschienene Roman Supergute Tage oder die sonderbare Welt des ­Christopher Boone des britischen Autors Mark Haddon wurde ein Bestseller. Der prominente Dramatiker Simon Stephens hat die Geschichte für die Bühne bearbeitet. Die Uraufführung am Londoner National Theatre 2012 erhielt 7 Olivier-Awards. Seit 2014 wird das Stück auch am New Yorker Broadway gespielt und 2015 mit 5 Tony-Awards ausgezeichnet. Die deutschsprachige Erstaufführung kam 2013 am Staatsschauspiel Dresden heraus. Die neue Inszenierung des stellvertretenden JTB-Intendanten Lajos Wenzel (Regie, Bühne, Lichtkonzept) wird nicht nur allen hohen Erwartungen gerecht: Sie ist ein hervorragendes Theaterereignis!
Faszinierend genau verkörpert Ferdi Özten den jungen Christopher, der auf eine ganz eigene Weise nachdenkt. Großartig spielt Katharina Felschen seine Mentorin Siobhan, die ihn dazu animiert hat, ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben und daraus eine Schultheater-Aufführung zu machen. Siobhan ist gleichzeitig Vorleserin und Regisseurin des Stücks, das sich als raffiniert verschachteltes Spiel im Spiel erweist. Sie ist außerdem die sensible Vertraute, die immer wieder auch als Christophers Dialogpartnerin in seine Welt eintaucht. Zu nah, zu laut, zu leuchtend ist ihm alles, was da auf ihn einstürzt. Das stets gegenwärtige große Ensemble (diesmal sind nur die Profi-Schauspieler beteiligt) illustriert mit Overhead-Projektoren auf ständig in Bewegung (Choreographie: Simona Furlani) gehaltenen Büro-Containern die visuellen und akustischen Verschiebungen zwischen innerer Wahrnehmung und äußerer Realität.
Alles gerät aus dem Gleichgewicht angesichts der Lebenslüge von Papa Ed (zutiefst berührend: Jan Herrmann), der Christophers Mutter für tot erklärte, nachdem sie ihn verließ. Judy (beeindruckend in ihrer tiefen Verzweiflung: Andrea Brunetti) war überfordert von der ‚Behinderung‘ ihres Sohnes, suchte emotionale Nähe beim Gatten der Nachbarin und floh mit ihm nach London. Christopher begibt sich auf die Suche nach ihr. In schnellen Rollenwechseln spielen Giselheid Hönsch, Sandra Kernenbach, Thomas Kahle, Bernard Niemeyer und Christian Steinborn all die Figuren, denen Christopher bei seinen detektivischen Nachforschungen begegnet.
Das ist manchmal sehr komisch. Auch wenn sich dahinter eine traurige Familiengeschichte verbirgt. Der spannenden Inszenierung gelingt es glänzend, die vielschichtigen Emotionen in Beziehung zu setzen mit dem besonderen Blick des jungen ‚Helden‘ und das scheinbar ‚Normale‘ in Frage zu stellen. Chris­topher wird es trotz seines tapferen Versuchs nicht gelingen, seine fundamentale Weltfremdheit zu überwinden. Aber einen lebendigen Hund und ein neues Vertrauen gibt es am Ende doch noch. Und seine ­Matheprüfung besteht Christopher trotz aller Aufregungen mit Bravour. Eine Kostprobe der schwierigen Aufgaben liefert er als Zugabe nach dem herzlichen Applaus für das ganze, in jedem Moment überzeugende Team. Der Schauspieler Ferdi Özten bleibt auch da konsequent in seiner Rolle. E.E.-K.
Spieldauer ca. 2 ¼ Stunden inkl. Pause
die Nächsten Termine :
5.11. // 6.11. // 17.12. // 18.12.15
Geeignet für Zuschauer ab 13 Jahren. Empfehlenswert auch für Erwachsene.

Donnerstag, 26.11.2015

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Letzte Aktualisierung: 25.10.2020 14:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn