Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Benjamin Grüter

Gregers, Trigorin und "Herz der Finsternis" - kultur 117 - Juni 2015

Am Abend nach unserem Gespräch wird Das Fest (Premiere am 13. Juni) von der Probebühne in Beuel zum ersten Mal in die Kammerspiele umziehen. Benjamin Grüter spielt in der Regie von Martin Nimz den Christian, der mit der Enthüllung eines dunklen Geheimnisses die Geburtstagsfeier seines Vaters empfindlich stört und damit die Demontage einer gutbürgerlichen Familie in Gang setzt. Die Konstellation hat eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner Rolle in Ibsens ­Wildente (ebenfalls inszeniert von Nimz und so erfolgreich, dass die Produktion weit über ein Jahr lang im Repertoire blieb). Grüter verkörperte den Gregers Werle, der mit seinem Wahrheits-Fanatismus das auf Illusionen gebaute Glück einer Familie zerstört. „Aber Gregers ist ein Täter und Christian ein Opfer“, ergänzt Grüter sofort. Das zentrale Thema von Das Fest hat ihn kürzlich intensiv beschäftigt. In dem im Herbst 2014 ausgestrahlten ARD-Spielfilm Die Auserwählten spielte er den erwachsenen Erik, der als Junge an der Odenwaldschule sexuell missbraucht wurde. Die Geschichte im Film ist allerdings rein fiktiv.
Geboren wurde Benjamin Grüter 1974 in Zürich. „Ich bin der einzige in der Familie, den es zur Bühne zog“, erzählt er. „Schon als kleiner Junge wirkte ich in verschiedenen Laiengruppen und im Schultheater mit. Die Entscheidung fürs Schauspiel reifte im Jugendclub ‚U21‘ am Zürcher Theater am Neumarkt. Unter der Intendanz von Volker Hesse herrschte da eine tolle Aufbruchsstimmung. Es war aufregend, als Jugendlicher mit Bühnenprofis zu arbeiten. In Ibsens Peer Gynt durfte ich einen der vier Peers spielen und auch sonst eine Menge ausprobieren.“
Dennoch machte er zunächst eine Ausbildung als Dekorationsgestalter. „Der Betrieb war sehr vielfältig. Wir machten graphische Werbung und Ausstellungskonzeptionen. Meine Begeisterung für das Handwerk ist geblieben. Deshalb habe ich Respekt vor den Leistungen der Werkstätten am Theater Bonn. Überhaupt: Was die Gewerke und die Leute hinter der Bühne leis­ten, auch noch mit dem zusammengesparten Personal, ist beeindru­ckend.“
Von 1997 bis 2001 absolvierte Grüter dann eine Schauspielausbildung an der staatlichen Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. „Ich wollte raus aus der Schweiz und einfach neue Erfahrungen sammeln. Zugegeben: Ein paar Helvetismen habe ich bis heute behalten. Nach der zweijährigen Grundausbildung wurde unsere Klasse auf ‚Studios‘ aufgeteilt, wo man unter der Betreuung der Hochschule in den regulären Theaterbetrieb integriert war. So kam ich ans Staatsschauspiel Dresden und übernahm dort diverse kleinere Rollen. Dabei lernte ich den damaligen Oberspielleiter und Regisseur Hasko Weber kennen und wirkte u.a. 1999 in seiner Inszenierung von Schillers ‚Wallenstein‘ mit.“
Nach dem Diplom wurde Grüter von Friedrich Schirmer, dem damaligen Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart, fest engagiert. „Dort bin ich beruflich aufgewachsen. Unter Schirmer konnte ich viel arbeiten und lernen. Als dann Hasko Weber die Intendanz in Stuttgart antrat, wurde ich von ihm übernommen.“ Grüter hatte 2002 schon in Webers erfolgreicher Stuttgarter Inszenierung von Ibsens Frühwerk Brand (ausgezeichnet mit dem Bayerischen Theaterpreis) mitgewirkt. Unter den zahlreichen Stücken, in denen er in der baden-württembergischen Landeshauptstadt auftrat, nennt Grüter besonders Roger Vontobels Regie-Diplomarbeit, Ferdinand Bruckners Früchte des Nichts, die 2006 zum Münchner Festival „Radikal jung“ eingeladen wurde.
2007 begann eine dreijährige Zusammenarbeit mit Harald Schmidt. „Der hatte ja in Stuttgart Schauspiel studiert und kam auf die Idee, den ‚Deutschen Herbst‘, die RAF in Stammheim und den Tod von Elvis Presley, alles Ereignisse im Jahr 1977, in dem Theaterabend Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen in gewohnter Schmidtscher Manier sarkastisch zu verknüpfen.“ Darauf folgte ein Jahr später das parodistische Hamlet-Musical Der Prinz von Dänemark nach einem Konzept von Harald Schmidt. An seiner Seite durfte Grüter unter der Regie von Christian Brey den Hamlet spielen.
Das Kabarett blieb jedoch ein Nebengleis in Grüters Tätigkeit, ebenso wie Film und TV. In der Regie von Volker Lösch, den er in Bonn bei Waffenschweine wiedertraf, spielte er den Tom in Dogville und den Snyder in Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Auch die Zusammenarbeit mit Christian Brey blieb erfolgreich bestehen, z.B. bei seinen Inszenierungen von Ab jetzt von Alan Ayckbourn und Die Altruisten von Nicky Silver. Die klassischen Hauptrollen vom Prinzen in Emilia Galotti über Kleists Amphitryon bis zum Jim in Die Glasmenagerie gehören zu seiner künstlerischen Entwicklung wie der Wurm in Kabale und Liebe und die Titelfigur in Tartuffe. Die beiden letztgenannten Werke inszenierte Claudia Bauer. Molieres Komödie kam 2012 wegen der Sanierung des Stuttgarter Schauspielhauses am Nationaltheater Mannheim heraus. Die Elmire spielte übrigens Sophie Basse, die Grüter später darauf aufmerksam machte, dass Nicola Bramkamp in Bonn ein neues Ensemble aufbaute.
„Weber wechselte nach Weimar, der neue Stuttgarter Intendant Armin Petras wollte ein frisches Team. Nach zwölf Jahren an einem Ort war ich neugierig auf andere Wirkungsstätten. Nach NRW zog es mich auch aus familiären Gründen – meine siebenjährige Tochter lebt bei Recklinghausen. Ich fuhr also zum Vorsprechen und wurde engagiert.“ Seit der Spielzeit 2013/14 ist Grüter jetzt fest am Theater in der Bundesstadt und fühlt sich hier ganz wohl, obwohl er seine Lehrtätigkeit an der Stuttgarter Hochschule für darstellende Kunst ein wenig vermisst. Fünf Jahre lang arbeitete er dort als Dozent für Szenenstudium.
„Meine Zeit hier war bisher recht glücklich. Vor allem wegen der Regisseure: Die Zusammenarbeit mit ihnen und ihr Zugriff auf die jeweiligen Stoffe sind mir äußerst wichtig. Ich mag insbesondere die Arbeit mit Martin Nimz, Jan-Christoph Gockel und Sebastian Kreyer.“ In dessen Regie spielte Grüter zur Eröffnung dieser Saison in den Kammerspielen den Schriftsteller Trigorin in Tschechows Möwe. Dem Bonner Publikum vorgestellt hat er sich 2013 in dem Wittenbrink-Musical Eltern. Er spielte dann u.a. den König Gunther in Hebbels Nibelungen (Regie: Thorleifur Örn Arnasson) und in Metropolis den Josaphat unter der Regie von Jan-Christoph Gockel, der jetzt in der Halle Beuel Herz der Finsternis (s. Kritik auf kultur-Seite 4) inszenierte. Zu sehen ist Grüter derzeit auch als Mac in Hiob.
Gern arbeitet Grüter gemeinsam mit den Kollegen im Team. Interessant ist für ihn auch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen. „Ideal ist, wenn man als Schauspieler eigene gedankliche Aspekte und spielerische Ideen einbringen kann.“ Wie z.B. bei der theatralen Kongo-Reise ins Herz der Finsternis des europäischen Kolonialismus, dessen Folgen uns immer noch treffen.

Dienstag, 22.09.2015

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