Ziemlich beste Freunde - Contra-Kreis-Theater - kultur 115 - April 115

Ziemlich beste Freunde
Foto: photo-kunst marcpierre
Ziemlich beste Freunde
Foto: photo-kunst marcpierre

Heiterer Zusammenprall der Kulturen


Die rasante nächtliche Spritztour mit Philippes Maserati findet auf der Bühne nicht statt. Man muss die ungemein erfolgreiche Filmkomödie Ziemlich beste Freunde von Olivier Nakache und Éric Tolegano, die mit einer spektakulären Verfolgungsjagd beginnt, jedoch nicht kennen, um die verrückte Geschichte zu genießen. Die Theaterfassung von Gunnar Dreßler greift stärker als das Kino-Epos auf die Autobiographie von Phi­lippe Pozzo di Borgo zurück. Denn die Story von der fabelhaften Freundschaft über alle sozialen Schranken hinweg ist fast zu schön, um wahr zu sein. Aber kein Märchen, denn der echte Philippe, ehemaliger Geschäftsführer des Champagnerhauses Pommery, ist seit einem schweren Unfall beim Paragliding querschnittsgelähmt. Und es war tatsächlich ein junger, gerade aus dem Gefängnis entlassener Algerier, der ihm neuen Lebensmut gab.
Im Contra-Kreis hat die Schweizer Regisseurin Pia Hänggi die wunderbar lebensbejahende Komödie inszeniert: mitreißend vergnüglich und erfrischend unsentimental. Eigentlich braucht der dunkelhäutige Driss fürs Arbeitsamt nur den Nachweis über gescheiterte Bewerbungen, als er in den roten Salon von Philippes noblem Pariser Palais (elegantes Bühnenbild: Bodo Wallerath und Pia Hänggi) platzt. Er will den Job gar nicht und auf keinen Fall einen körperlich hilflosen Schwerstbehinderten am Hals haben. Philippe will kein Mitleid und engagiert den unverschämten Ex-Knastie aus der sozialen No-Go-Zone.
TV-Star Sigmar Solbach („Der Arzt, dem die Frauen vertrauen“) spielt den vom obersten Halswirbel abwärts vollständig gelähmten Philippe vollkommen überzeugend. Alle Bewegungen konzentrieren sich auf seinen Kopf; allein mit seiner Mimik zeigt er die ganze Bandbreite der Gefühle des hochgebildeten reichen Mannes, der zwar flott mit seinem elektrischen Rollstuhl herumsaust, aber für jede körperliche Verrichtung auf fremde Hilfe angewiesen ist. Mit selbstironischem Sarkasmus verleiht er der tragischen Situation eine menschliche Würde, die unter die Haut geht. Es darf auch mal ein Joint sein, den der muntere Driss ihm zwischen die Lippen schiebt.
Der quirlige Peter Marton spielt den jungen Typen mit losem Mundwerk, frechem Macho-Gehabe und einer gehörigen Portion Herz unter der harten Schale. Ein verspieltes, ungezogenes Kind, das mit seiner naiven Lebenslust Bewegung in Philippes Tristesse bringt und zudem eine Aufgabe darstellt. Philippe wird ihm Manieren beibringen und dafür das Lachen neu erfahren. Wie Driss die unerschütterlich souveräne Sekretärin Magalie anbaggert, ist wirklich umwerfend. Kers­tin Gähte in der Rolle der ebenso diskreten wie attraktiven Dame des Hauses (modisch bestens versorgt von Kostümbildnerin Sabine Weber-Schallauer) gehört absolut auf die Haben-Seite der Aufführung. Lutz Reichert als Skeptiker Antoine, Olaf Böhnert als sanfter Pflegeprofi mit Krankmach-Potenzial und Julia Streich als weiblicher Muntermacher liefern schöne Nebenlinien im Spiel um die Wiedergewinnung der Freude am Dasein.
Ok: Drachenfliegen ist nicht so ganz das Ding des bodenständigen Driss, vom schicken Sportwagen bleibt nicht viel übrig, und auf dem Kunstmarkt allenfalls eine von Philippe spaßeshalber gelegte Spur. Driss hat’s auch nicht so sehr mit feinsinniger Poesie, sondern mit messbaren Größen. Und da ist er so unschlagbar, dass man eher Tränen lacht als weint über die Schwere des Schicksals. Das bleibt ernst, wird aber mit solch heiterer Leichtigkeit aufgehoben, dass die Welt einen Moment lang vor lauter Theaterglück stillsteht. Standing Ovations bei der gelungenen Premiere! E.E.-K.

Spieldauer ca. 2 Stunden 15 Min.
inkl. einer Pause
die weiteren Termine:
Täglich außer montags bis 26.04.2015


Dienstag, 08.09.2015

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Letzte Aktualisierung: 19.10.2020 21:01 Uhr     © 2020 Theatergemeinde BONN | Bonner Talweg 10 | 53113 Bonn