Faust I - Kammerspiele - kultur 116 - Mai 2015

Faust
Foto: Thilo Beu
Faust
Foto: Thilo Beu

Verzweifelter Melancholiker



„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten…“ – mit der „Zueignung“ erscheint Heinrich Faust auf der Bühne und verkriecht sich in seinem engen Studierzimmer. Die schaukelt, an Seilen aufgehängt, im Bühnenbild von Cora Saller bedenklich über dem Abgrund. Denn der gelehrte Doktor scheint ziemlich erschöpft von all seinem Wissen und hat mit seinem Erkenntnisdrang den Boden unter den Füßen verloren. Da hilft auch kein an die Wand gekleckster Erdgeist mehr. Der Mann ist hoffnungslos ausgebrannt. „Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon / Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew’ger Wahrheit“ – alles bloßer Trug. Zumal Regisseurin Alice Buddeberg in ihrer mit Spannung erwarteten Faust I-Inszenierung in den Kammerspielen die metaphysische Dimension komplett weglässt.
Der Teufel steckt in Faust selbst. Dem sind gleich drei Mephisto-Gestalten zugesellt, blond und blass, angetan mit dunkelroten Stubenhocker-Strickjacken und grauen Hosen (Kostüme: Marina Küster), wie die Titelfigur. Glenn Goltz spielt den verzweifelten Egomanen, der nun mit vier Seelen in seiner Brust zu kämpfen hat, von denen jede eine Facette seiner unseligen Existenz spiegelt. Johanna Falckner gibt den weiblichen Part, bringt handfeste Erotik in Fausts selbstverliebtes Streben nach Befriedigung und hat als schillernde Pop-Diva einen großen Auftritt auf dem Dach von Fausts Matratzengruft. „Das Frauenbild war gar zu schön!“ – eine verhexte Illusion wie alle Gaukelbilder, mit denen Faust sich selbst zu entkommen sucht.
Wolfgang Rüter ist der ältere Mephisto, hängt als Penner mit Schnapsflasche in Auerbachs Keller rum und geistert als feist ausgestopfte nackte Hexe durch Frau Marthes Garten. Daniel Breitfelder glänzt als eleganter Zyniker und junger Verführer.
Gegen diese Teufelsbande behauptet sich Mareike Hein als bodenständiges Gretchen, das Opfer des von Begierde zu Genuss taumelnden und im Genuss nach Begierde verschmachtenden Faust. Selbst im nackten Vollzug behält ihre Liebe etwas rührend Keusches.
Die am Bonner Schauspiel mittlerweile unvermeidlichen englischen Songs (Musik: Stefan Paul Goetsch) stören nicht weiter in Buddebergs intelligenter Faust-Dekonstruktion, die die bekannten Szenen gehörig durcheinanderwirbelt und mit den üblichen Illusionsbrüchen aufmischt. Gesprochen werden überwiegend Goethes Verse (Faust: „Ich kann auch knitteln“) mit allerhand Umstellungen und Konstellationsverschiebungen. Gelegentlich weckt das eine neue Hellhörigkeit für die zum Klassi­kerzitat erstarrten Sätze. Der an der Möglichkeit der Liebe zweifelnde, an seinem Wissensdurst gescheiterte Faust stellt immer häufiger selbst die Gretchenfragen. Zugegeben: Sein ambivalenter Charakter und seine Identifikation mit dem mephistophelischen Alter Ego ist freilich kein ganz neuer Gedanke.
Nach der Pause konzentriert sich die Inszenierung auf Gretchens Tragödie, bringt dabei noch eine Menge geisterhaft unschuldsweiß kostümierter Kinderstatisten ins Spiel, gewappnet mit schwarzen Luftballonfratzen. Unter die verlorenen Seelen mischt sich zudem ein niedlicher Minifaust vom Kinderchor als Sopran-Signal des gnädigen Himmels. Der weibliche Mephisto mutiert zum Alter Ego der Kindsmörderin und gönnt ihr einen letzten Moment von solidarischer Zärtlichkeit vor der Hinrichtung. Mignons Lied „Nur wer die Sehnsucht kennt…“ hat Gretchen am Ende des kurzweiligen zweistündigen ersten Teils an die Wand im Vordergrund geschrieben. Quälend lange 35 Minuten wartet man im zweiten Teil darauf, dass die Babypuppe der verstörten jungen Frau endlich im vorsorglich bereit gestellten Blecheimer verschwindet. Gretchens Wahnsinn, den Tod ihrer Mutter und ihres Bruders hat Faust schon auf dem Gewissen und wenig dazu gelernt außer sehnsüchtigem Leiden auf der Jagd nach dem Glück. Gejagt von den Furien seiner heillosen Triebe. Dass er sich mit Kleists berühmtem Abschiedssatz („Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“) davonmacht, dabei aber statt des Imperfekts das Präsens verwendet, verheißt nichts Gutes. Es steht zu befürchten, dass dieser Faust trotz depressiver Disposition suizidresistent bleibt und noch weitere Schrecken bereithält. Der Premierenbeifall für die konsequente dramatische Versuchsanordnung blieb knapp. Schülern, auf deren Besuch das Theater spekuliert, ist eine vorgängige Lektüre von Goethes Text anzuraten. E.E.-K.

Spieldauer ca. 3 Stunden, eine Pause
die nächsten Termine:
3.05. // 6.05. // 9.05. // 15.05. // 17.05. // 22.05. // 31.05.2015

Dienstag, 25.08.2015

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