Yvonne, die Burgunderprinzessin - Schreimutter - Tinte ist schwärzer als Blau: Drei Stücke im Theater Marabu - kultur 110 - November 2014

Tinte ist schwärzer als blau
Foto: Ursula Kaufmann
Tinte ist schwärzer als blau
Foto: Ursula Kaufmann

Schweigen und Sprachspiele



Die undankbare Rolle der Yvonne wollte niemand vom Jungen Ensemble Marabu übernehmen. Deshalb bitten sie Lea aus dem Publikum, diesen stummen Part zu spielen. Und da steht sie nun in ihrem roten Kleid auf der Bühne, wo sie sich offenbar unwohl fühlt. Prinz Philipp will sie aus lauter Langeweile heiraten, seine königlichen Eltern und der Hofstaat versuchen, das Beste aus der merkwürdigen Situation zu machen. Yvonne tut einfach nichts. Genau darum geht es in der grotesken Komödie Yvonne, die Burgunderprinzessin des Polen Witold Gombrowicz (1904 – 1969), die Tina Jücker und Claus Overkamp mit ihrer Nachwuchs-Truppe inszeniert haben. Alle suchen das Geheimnis hinter der schweigsamen Passivität des Mädchens. Aufgeregt schwirrt die ganze Gesellschaft in skurrilen blauen Kostümen und grellen Masken (fabelhafte Ausstattung: ­Regina Rösing) herum, das muntere Spielmacher-Pärchen sogar mit irrem Tempo auf Rollschuhen. Und Lea/Yvonne schweigt, lässt sich verspotten und demütigen von dem zunehmend irritierten blasierten Mob. Die jungen Darsteller liefern dabei ein spielerisches Feuerwerk, das selbst gestandene Profis zum Staunen bringen könnte. Die Vorstellung dauert ca. 70 Minuten ohne Pause und ist geeignet für Zuschauer ab 14 Jahren.
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Für Kinder ab 3 Jahren gibt es das kleine Wunderwerk „Schreimutter“ nach dem preisgekrönten Bilderbuch von Jutta Bauer. Tina Jücker, Claus Overkamp und Bene Neustein, schwarz-weiß gekleidet mit quietschgelben Schuhen, entführen das junge Publikum in eine abenteuerliche Traumwelt. Gelb sind auch die Füße des kleinen Pinguins, die sich allein auf den Weg machen, um den Rest zu suchen. Denn an diesem Morgen hat seine Mutter so geschrien, dass er völlig auseinandergefallen ist. Über die ganze Welt und sogar ins Weltall verstreut sind Schnabel, Kopf, Bauch und Po. Mit Overhead-Projektoren und diversen Klang-Instrumenten lassen die drei Perfomer die Aufenthaltsorte der Körperteile lebendig werden. Sie zeigen offen die Mittel, mit denen sie Illusionen produzieren, Bilder auf die großen Leinwände zaubern und bei aller technischen Raffinesse eine poetische Magie entwickeln. Das erinnert an Verfahren der Regisseurin Katie Mitchell und bleibt doch eine ganz kindliche Märchen-Fantasie. Außerdem hat die schreiende Mutter es nicht bös gemeint und näht am Ende alle Teile wieder sorgfältig zusammen. Der kleine Pinguin, der übrigens zum Vergnügen der jungen Zuschauer gern herzhaft pupst, kommt also heil aus der Geschichte raus, die etwa 45 Minuten dauert.
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„Oh!“, sagt die Schauspielerin Julia Hofstaedter, die den Laut buchstäblich auf der Zunge trägt: ein kleines weißes „o“. Mit einem großen „O“ aus Styropor spielt ihr Bühnenpartner Daniel Mathéus, nachdem die beiden das Publikum bei der Vorstellung von Tinte ist schwärzer als Blau per Handschlag begrüßt haben. „O“ ist ein Laut, der je nach Situation Verschiedenes ausdrücken kann. „O“ ist aber auch ein Schriftzeichen und sieht genauso aus wie das große ovale Loch in der Rückwand.
Eigentlich fängt jedoch alles mit „A“ an, was nicht nur für das Wort „alles“ gilt. Sehr witzig spielen sie das Alphabet durch, lassen den Wind zum „F“ blasen, werfen das übelriechende „I“ (Igitt!) schnell in die Ecke und muhen zum „Q“ wie die Kuh.
Es geht um Sprache in dem Stück, das der Regisseur Benjamin van Bebber am Theater Marabu in der Reihe „Nachwuchsförderung Regie im Kinder- und Jugendtheater“ entwi­ckelt hat. Seit 2006 räumen die Marabus jungen Talenten jährlich einen Experimentierplatz frei. Inzwischen beflügeln sie damit nicht mehr nur die eigenen Küken. Van Bebber (*1984) legte 2013 an der Hamburger Theaterakademie sein Abschlussexamen im Fach Musiktheater-Regie ab und hat nun in Bonn zum ersten Mal ein Kinderstück erarbeitet.
Natürlich geht es dabei auch ums Theater selbst: Ist das merkwürdige weiße Objekt auf der Bühne (Ausstattung: Imke Paulick) ein Brombeerstrauch oder nur ein getarnter Lautsprecher? Die Musik von Frieder Hepting und eingespielte Textpassagen geben weitere Anlässe für tänzerisch-spielerische Aktionen der beiden Performer. Das Dada-„D“ wirft poetische Schatten auf die prinzipielle Sinnfreiheit von Klängen und Zeichen. Wir könnten das violette Kleid der Spielerin auch Erdbeere nennen und ihre blaue Perücke einfach Qualle. Man kann sogar vordergründig völlig sinnlose Sätze wie „Tinte ist schwärzer als Blau“ sagen und damit eine ganze Fantasiewelt in Bewegung setzen.
Nach einer guten halben Stunde dürfen die kleinen Zuschauer das selbst tun und mit bunter Malkreide die weiße runde Spielfläche beschriften oder aus den verstreuten farbigen Buchstaben eigene Wörter zusammensetzen. Bis die Requisiten abgeräumt werden und jemand Beifall klatscht, damit zur Bühnenkonvention zurückkehrt und das lustvolle Spiel beendet. E.E.-K.
nächste Vorstellungen:
So., 2.11. - Tinte ist...
So., 23.11. - Schreimutter
Do., 27.11. - Yvonne...

Mittwoch, 10.12.2014

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