Anatol - Werkstatt - kultur 110 - Oktober 2014

Anatol, Theater Bonn
Foto: Thilo Beu
Anatol, Theater Bonn
Foto: Thilo Beu

Hypochonder der Liebe

Hypochonder der Liebe


Am schönsten ist die Liebe immer kurz vor ihrem Ende, meint der überzeugte Melancholiker Anatol. Deshalb zieht er die traurigen Schlussmomente auch den Anfängen vor. In der Inszenierung von Sebastian Schug in der Werkstatt des Bonner Schauspiels scheint die Nacht mit Cora aber zumindest lang gewesen zu sein. Im knappen Party-Glitzerkleidchen kriecht sie frühmorgens unter dem schwarzen Vorhang hervor und setzt sich erst mal eine Sonnenbrille auf. Während Anatol leicht derangiert im Unterhemd schon wieder weltschmerz-süchtig diskutiert mit seinem Freund Max. Die kleinen Wahrheiten, die ihm die hypnotisierte Cora verrät, erträgt er locker. Die großen will er gar nicht wissen, denn nur der Zweifel macht dieses selige Gefühl von Vergänglichkeit aller Liebesleidenschaften so unwiderstehlich. Frauen sind für ihn von Natur aus untreu; der reiche Müßiggänger Anatol sucht in jeder eine Idee vom Liebesglück und rückt folglich mit jeder Episode der Enttäuschung näher.
Arthur Schnitzlers 1910 erstmals komplett aufgeführte sieben Einakter spielen sich in der Ausstattung von Christian Kiehl irgendwo zwischen Künstlergarderobe und Musikclub ab. Es sind Gestalten mit heutigem Bewusstsein, die da im Liebes-Clinch aufeinandertreffen. Benjamin Berger ist der zwischen kokettem Selbstmitleid, sentimentalen Relikten, Quartals-Depression und Suche nach dem Daseins-Sinn schwankende Dandy. Als zynisch cooler Intellektueller Max brilliert Samuel Braun. Wobei die Männerfreundschaft hier durchaus mit einer homoerotischen Komponente aufgeladen wird. Aus der Zirkusartistin Bianca wird kurzerhand ein Bianco, wofür Berger sich mit einem angeklebten Bart à la Conchita Wurst versieht.
Eine Klasse für sich ist Julia Keiling als Tänzerin Annette, die Anatol einen Korb verpasst, bevor er überhaupt seinen sorgfältig geplanten Abschied ins Spiel bringen kann. Auch als anderweitig verheiratete Else macht sie gute Figur zu Anatols Fluchtanstrengungen. Der Schluss gehört jedoch Johanna Falckner (vorher schon als Cora sehr präsent). Ihre bei den üblichen Familien-Weihnachtseinkäufen von Anatol überraschte Gabriele sorgt sich so hundsgemein rührend um dessen Geschenk für das süße Vorstadtmädel, dass ihr einstiger Lover wie ein begossener Pudel dasteht. Ein weiblicher Triumph, in dem aber auch ein Stück unerfüllter Sehnsucht der Mondänen nach der Schlichtheit unkomplizierter Gefühle aufscheint. Bevor Anatol sich kurz der zärtlichen Wärme eines namenlosen Kuschelwesens hingibt, stimmen alle vier noch schnell „Listen to your Heart“ von Roxette an. Musik gemacht und gesungen haben sie schon vorher. Poppig, geradeso sympathisch und spielerisch reizvoll, dass Schnitzlers herzlose Komödie hier ernsthaft Vergnügen macht. E.E.-K.
Spieldauer ca. 90 Minuten, keine Pause
die Nächsten Termine:
14.11. // 19.11. // 23.11. // 6.12. // 13.12.2014

Donnerstag, 13.11.2014

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