Tansel Akzeybek - kultur 64– März 2010

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Tansel Akzeybek: Tamino, Truffaldino, Nemorino und der Jünger im Golem

Viel Beifall erntete er kürzlich für seine Interpretation des Jüngers von Rabbi Loew in d’Alberts Opernrarität Der Golem (s. Kritik kultur S. 3). „Die Musik ist wunderschön und manchmal wie richtig großes Kino“, erklärt Tansel Akzeybek und gesteht: „Ich bin ein Fan von Horrorfilmen, und ein biss­chen psychopathisch ist meine Figur in dem Stück durchaus. Außerdem sehe ich in dieser Aufführung mit meiner blonden Perücke endlich mal nicht so südländisch aus.“ Seit der Spielzeit 2008/09 ist der junge Tenor an der Oper Bonn engagiert und stellte sich hier als charmanter Lebemann Gardefeu in der Operette Pariser Leben vor – eine spritzige Inszenierung von Andrea Schwalbach, mit der er jetzt erneut beim düsteren Golem zusammengearbeitet hat. Zum Publikumsliebling bei Groß und Klein avancierte er als pfiffiger Truffaldino in Prokofjews Die Liebe zu den drei Orangen (s. kultur 62).
Zur Zeit probt er den Nemorino in Donizettis L’elisir d’amore (Premiere am 7. März). „Die Partie macht mir großen Spaß. Es ist auch toll, mit einem vertrauten Ensemble solch ein wichtiges Rollendebüt zu geben.“ Am 4. Juni wird er wieder in einer Donizetti-Oper zu erleben sein: als Vitellozzo in Lucrezia Borgia an der Seite von Edita Gruberova in der Titelrolle. Die konzertante Aufführung im Konzerthaus Dortmund im Rahmen des Festivals „Klangvokal“ wird im Radio übertragen und für eine CD mitgeschnitten. „Mit großen Sängern auf der Bühne zu stehen und zu beobachten, wie souverän sie manche Dinge machen, ist immer fantastisch.“
Geboren wurde Tansel 1978 in Berlin. Als er fünf Jahre alt war, kehrte die Familie zurück in ihre Heimatstadt Izmir. „Ich konnte kaum Türkisch und habe mit meiner Großmutter fleißig geübt, um dort in der Schule mitzukommen.“ Fußball war seine erste große Leidenschaft. Bis zu seinem 14. Lebensjahr spielte er in der Jugendmannschaft des renommierten Vereins Altay Izmir. „Manchmal sang ich in der Schule auch türkische Popsongs – allein um den Mädchen zu imponieren.“ Sein Talent fiel auf, er bekam Gesangsunterricht an einer privaten Musikschule. Außerdem begann er als Hochzeitssänger zu arbeiten. Ein Bekannter seines Vaters nahm ihn zu Festen mit und zeigte ihm, wie man als ‚pianiste-chanteur’ mit populären Liedern das Publikum für sich gewinnt. „Quasi ein Truffaldino-Job, bei dem du tanzt, redest, Witze machst und mehrere hundert Leute stundenlang bei Laune hältst. Schauspielerisch eine sehr gute Lehre. Mit 15 bekam ich ein eigenes Keyboard. Bis zum Ende meines Studiums habe ich meinen Lebensunterhalt überwiegend mit Auftritten bei Hochzeitsgesellschaften und mit einer Latinopop-Gruppe in Strandhotels verdient.“
Nach der Schule wollte er eigentlich Musiklehrer werden. „Man überredete mich an der Hochschule aber nach ein paar Monaten dazu, mich am Konservatorium für eine klassische Gesangsausbildung zu bewerben.“ Tansel bestand die Aufnahmeprüfung am staatlichen Dokuz-Eylül-Konservatorium von Izmir mit der maximalen Punktzahl. Mit 18 besuchte er zum ersten Mal eine Opernvorstellung: Massenets Werther, den er ziemlich langweilig fand. Gefunkt hat’s bei Rigoletto. Mit 19 wurde er Mitglied des Opernchores und sang 1998 sein erstes Solo, den Ersten Gefangenen in Beethovens Fidelio. Meisterkurse u.a. bei Lia Lantieri und Katia Ricciarelli in Izmir folgten. Direkt nach dem Studienabschluss wurde Tansel an der Oper von Izmir engagiert – „mit gut 500 Plätzen ein perfektes Haus für die Erprobung der Stimme“ – und erwarb sich in vielen Aufführungen eine Menge Praxis-Erfahrungen. Den achtmonatigen türkischen Militärdienst konnte er als anerkannter Musiker absolvieren: „Über das Unvermeidliche hinaus musste ich keine Waffe in die Hand nehmen, sondern bei Staatsbesuchen vor Politikern aus aller Welt zur Blechbläserkapelle die jeweiligen Lieder oder Hymnen singen.“
Dennoch sah er in seiner Heimat für sich wenig weitere Entwicklungsmöglichkeiten: „In der türkischen Kultur, die mir immer noch viel bedeutet, gibt es keine eigenständige Operntradition.“ Ein befreundeter Hornist, der gelegentlich bei den Berliner Philharmonikern arbeitete, riet ihm, nach Deutschland zu gehen. Tansel wandte sich an seine in Lübeck lebende Schwes­ter und begann im Sommer 2004 in der Hansestadt ein Diplomstudium bei der Gesangsprofessorin Anke Eggers, das er 2006 mit sehr gutem Ergebnis abschloss. Im Herbst 2004 nahm er an der „Musica Mallorca Meisterklasse“ von René Kollo in Palma teil und gab 2005 sein Deutschland-Debüt bei den Festspielen Eutin als Beppo in Leoncavallos I Pagliacci – übrigens auf Deutsch, der Sprache seines Geburtslandes, die der polyglotte Künstler zwischendurch fast vergessen hatte, heute jedoch wieder akzentfrei spricht.
Noch vor seinem Studienabschluss in Lübeck bekam er nach verschiedenen Vorsingen Angebote aus mehreren deutschen Städten und entschied sich für das Theater Dortmund. Dort sang er u. a. den Pedrillo in der Entführung aus dem Serail, den er in der vergangenen Spielzeit auch in Bonn verkörperte. Den Grafen Almaviva im Barbiere di Siviglia sang er in Dortmund, als Gast in Erfurt und im vergangenen Sommer bei den Schlossfestspielen in Braunfels. „Deshalb konnte ich in Bayreuth nicht so viel feiern. Es war aber toll, den ganzen ‚Ring’ dort zu erleben und viele junge Musiker aus aller Welt zu treffen.“ 2009 war Tansel nämlich Stipendiat des Richard-Wagner-Verbandes Bonn/Siegburg.
Freilicht-Aufführungen an reizvollen historischen Orten mag er sehr gern: „Man ist draußen, ganz nah am Publikum und wird oft auch noch zum Essen eingeladen. Nur beim Opersommerfestival in Belgien war’s­ etwas schwierig. Es hat viel geregnet und war so eisig, dass bei der berühmten Kavatine des Conte meine Atemluft wie Rauch aussah. Mein Agent hat vor Kälte gezittert und das ganze Video verwackelt.“
Der Wenzel in der Verkauften Braut, der Freddy in My fair Lady und der Lindoro in L’Italiana in Algeri haben ihm in Dortmund großen Spaß gemacht. Letzteren sang er dort allerdings als Gast aus Bonn. „Ich war schon fest für diese Rolle eingeplant, als ich mein Engagement in Bonn antrat. Außerdem konnte ich dem Darsteller des Mustafa viele gute Tipps zum türkischen Männerverhalten geben.“ In Bonn gab er sein Rollendebüt als Tamino bei der Wiederaufnahme der Zauberflöte und wird in dieser Saison noch den Lehrer Kudrjasch in Katia Kabanova spielen. „2010 habe ich kaum noch einen Abend frei“, erklärt Tansel, der zudem auch ein gefragter Konzertsänger ist. Geplant sind Rossinis Otello in Lyon, wo er bereits als Gastone in La Traviata gastierte, und in Limoges die selten gespielte komische Oper L’Étoile von Emmanuel Chabrier. Besonders freut er sich auf die Titelrolle in Webers Oberon am Théâtre du Capitole in Toulouse an der Seite von Klaus Florian Vogt als Hüon. Außerdem steht im Sommer 2011 der Don Ramiro in La Cene­rentola in Aachen auf seinem Programm.
„Oper ist immer wieder aufregend, weil man in ganz andere Zeiten springen und ständig neue Lebensgefühle erforschen kann. Und weil ich immer noch ein kleiner türkischer Macho bin, zahle ich jetzt Ihren Cappuccino.“ Sagt Herr Akzeybek mit einem unwiderstehlichen Lächeln, bevor er sich zur Abendprobe aufmacht.

Dienstag, 25.02.2014

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